Sonntag, Januar 31, 2010

Und plötzlich singt ein Kind.

Fünfmal im Jahr auf die Schnauze zu fallen, ist jetzt nichts Dolles. Es sei denn, man erledigt das innerhalb von zwei Minuten auf den letzten zehn Metern, bevor man das Eis überhaupt betritt.

Ja, richtig geraten, ich war, wie alle Hamburger, nach 13 Jahren mal wieder auf der zugefrorenen Außenalster. Da hinzukommen war nicht leicht, denn die Betonung im Vorsatz liegt bitte auf „alle Hamburger“. Und alle waren in meinem Bus.

Nicht alle von denen haben auf der Alster geblutet, aber doch erstaunlich viele. Vielleicht auch nur einer, der dann aber in erschreckender Regelmäßigkeit und Menge. Alle zwanzig Meter gab es einen (unfotografierten, Blut ist privat) Blutfleck im Schnee. (Erstaunlich auch, wie schnell man in Hamburg von A nach B käme, wenn der olle Fluss in der Mitte nicht wäre und man, aber das ist natürlich ein Hirngespinst, auf die rechte Seite der Alster wollte.)

Auf dem Eis ist es voll und trotzdem versucht niemand, mit Bier Geld zu verdienen. (Das war früher, als alles besser war, anders, wobei jetzt früher nicht alles besser war, denn damals war ich auch noch schwer in Frollein H. verliebt und zum Schlittschuhlaufen auf der Alster verabredet, woraus dann gottseidank nichts geworden ist, was übrigens ein halbwegs haltbarer Beleg für die Theorie einer schützenden Hand ist.)



Feind nicht verdienen Gnade. Habe ich gerade aus Karate Kid zitiert? Das kann schon passieren wenn man sich nach hundertachtundzwanzig Stunden Anstehen an der Glühweinbude („Mit Schuss?“ „Wie? Den gibt’s auch ohne?“) mit dem Glühwein im Plasitkbecher noch kurz die Lippen verbrennt, bevor man den Rest im Fallen wegkippt. (Note to self: Vom Eis zu sein hat nichts mit Sicherheit zu tun.)

Dass dann der erste Bus vor der Nase wegfährt, ist nur konsequent. Dank merkwürdiger Umstände lebe ich aber in einer Großstadt und der nächste Bus kommt Minuten später. Blöderweise ist das genau der Bus, mit dem Resthamburg nach Hause will. Darunter auch Teenager, die sich gegenseitig anrufen, um zu erfahren, wo (!) im Bus sie denn gerade seien. Die einen vorne, die anderen hinten. Die Alpha-Queen (hinten, go figure) legt dem Beta-Weibchen nahe, auch nach hinten zu kommen. Das tut es auf erstaunliche Weise:

Es hält den Bus an, steigt vorne aus und steigt hinten wieder ein. Muss man auch drauf kommen können.

Der Viehtransport kocht so langsam und der Umgangston wird rauer und auch wenn ich bei den ungünstigsten Gelegenheiten zum Pöbeln bereit bin, mag ich es nicht, wenn das zur allgemeinen Stimmung wird. Ich versuche dann im Rahmen meiner Möglichleiten zu schlichten: „Herr (insert a god of your choice), gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Gib mir die Kraft, Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann.Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen unterscheiden zu können.“ Das geht aber nicht immer und mitunter fehlt mir auch der Ehrgeiz. Heute zum Beispiel. Es wird also munter rumgepöbelt und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann der erste was aufs Maul kriegt.

Und plötzlich singt ein Kind.

Völlig aus dem Nichts, völlig unbeteiligt, völlig ohne Grund. Sitzt da, schaut aus dem Fenster und singt. Und alle beruhigen sich wieder. Geht doch.

PS: Wer jetzt den jungen Vito Corleone vor Augen und im Ohr hat, wie er in seiner Quarantänezelle auf Coney Island sitzt und singt: Ja, genau so.

Now playing: Blake – Wonderful life

Donnerstag, Januar 21, 2010

Sie wollen einen Arbeitnehmer loswerden? Kein Problem: Schwächen Sie Ihr Unternehmen! Trust me! I'm a lawyer!

Gerade auf Panorama gesehen: Anwälte für Arbeitsrecht geben Arbeitgebern Seminare in denen durchgearbeitet wird, wie man unkündbare Arbeitnehmer möglichst plump loswerden kann. Das war mir jetzt nicht neu. Neu war mir die Idiotie der Tipps. Hängen geblieben ist vor allem der, der mich fassungslos zurücklässt:
„Geben Sie dem Mitarbeiter immer wieder die Möglichkeit, Fehler zu machen.“
Die Mehrheit meiner Stammleser kommt aus der Werbung und wird da ebenso lachen müssen, allen anderen möchte ich eine der erfolgreichsten und kreativsten Werbeagenturen der Welt vorstellen: http://www.wklondon.com/ Deren Weblog läuft unter dem Motto:
„Embracing failure since 1998.“
Und zwar warum? Erstens natürlich, weil entweder Wieden oder Kennedy irgendwann mal sinngemäß gesagt haben soll (jaja, ich weiß Recherche, Qualitätsjournalismus, mir doch egal):
„Jemanden, der in seinem Leben nicht mindestens drei Mal richtig auf die Schnauze gefallen ist, kann ich gar nicht ernst nehmen.“*
Zweitens aber weil die Freiheit, Fehler machen zu dürfen (und sie im Idealfall sogar zu fordern), das Überleben des Unternehmens sichert. In einer Atmosphäre der Angst entsteht genau gar nichts. Außer Angst und Dienst nach Vorschrift. Das weiß man, wenn man so etwas wie Sandkasten und Kindergarten kennt. Wer als Unternehmer glaubt, das wäre nur bei dem zu kündigenden Objekt der Nichtbegierde der Fall, der ist dumm.

Manchmal bin ich heilfroh, in einer Branche zu arbeiten, in der Mut (manchmal) gefördert und gefordert wird und in der so ein Spacken wie der aus Panorama lachend vom Hof geprügelt würde.

Was übrigens auch jeder Unternehmer tun sollte, wenn ihm ein Anwalt derartige Killertipps gibt.

Now playing: Hannes Wader – Bürgerlied

*Wenn jemand genaueres weiß, bitte ich um Aufklärung in den Kommentaren.

Sonntag, Januar 10, 2010

Aus "Calgonit" wird "suicide". Wie? Ach so: "Finish".

Achtung, was jetzt kommt, ist durch nichts belegbar, es wird tausend gegenteilige Studien geben und trotzdem hab ich wieder mal recht.

Das Beste, was eine Marke haben kann, ist ein eindeutiger, eingängiger und etablierter Name. Der ist sogar wichtiger, als das, was drin ist.* Die superdupergeheime Coca-Cola-Formel ist seit Ewigkeiten öffentlich, aber selbst wenn jemand Coke 1:1 nachmachen würde, was hätte er dann? Einen süßlich herben Softdrink, der wie Coke schmeckt, aber eben keine Coke.

Weltweit agierende Marken lieben es, überall gleich zu heißen. Sieht ja auch besser aus auf der Weltkarte im Konfi. Als aus Raider Twix wurde, passierte das, weil Raider auf der ganzen Welt Twix hieß. Die damalige Empörung schwingt in meiner Generation immer noch ein bisschen mit, allerdings eher als Koketterie, die man als Marketingmensch auch wieder nutzen kann.

Bahlsen heißt schon lange nicht mehr Bahlsen, aber wer weiß das schon? Auffälliger ist da natürlich, dass Salzletten nicht mehr Salzletten heißen, sondern Saltletts. Das ist zwar albern, dürfte aber höchstens ein paar Sprachnörgler wirklich ärgern.

Jetzt allerdings wird Calgonit zu Finish. Und warum das so ist, wird mir kein Mensch vernünftig begründen können. Denn eine etablierte Marke mit einem einzigartigen Namen wird mal eben in die digitale Bedeutungslosigkeit verbannt.

Die einen nennen das Rebranding, ich nenne das Schwachsinn.

Now playing: Depeche Mode - What's your name?

*Jajaja, weiß ich doch.