Sonntag, Mai 02, 2010

Von der Arbeit auf der Kogge und am Bindestrich.




Bilder können leider nur ansatzweise wiedergeben, was die Kogge für ein imposanter Kutter ist. Wenn man davor steht, ist sie das aber. Und wenn man darauf arbeitet, erst recht. Theoretisch lässt sich das Ding mit sechs Leuten fahren. Praktisch ist das natürlich Quatsch, weil man immer damit rechnen muss, dass Leute wie ich an Bord sind, die sich beim Kommando „Brass um“ (oder so ähnlich) völlig unangesprochen fühlen, anstatt das Kommando auszuführen, was darin besteht, die Halsleine (oder war es doch der Vorholer?) einfach loszulassen.

Loslassen ist eigentlich gar nicht so angesagt, wenn man auf der Kogge eine Strippe in der Hand hat. Im schlimmsten Fall folgt dann nämlich das Tauende* den Gesetzen der Physik und ist weg. Und mit weg meine ich weg. Nicht wie der Kuli im Büro („Ah, da isser ja wieder“) oder die Freundin („Pfff, mir doch egal, endlich wieder Zeit für mich“), sondern eher wie in der Architektur („Tragende Wand? Hm, jetzt, wo Sie es sagen ...“). Um das Tauende bei gesetztem Segel wiederzubekommen, müsste man das Segel raffen und (mutmaße ich, es ist ja nicht wirklich passiert) die Rah dumpen, also schräg zum Mast stellen. Die entscheidenden Taue hängen schließlich logischer- und blöderweise am unerreichbaren Ende der Rah.

Das ist genau so anstrengend, wie es sich anhört und deshalb neigt man als Koggenneuling dazu, alles irgendwo festzubinden. Am besten noch mit einem verzweifelten Knoten, der mit viel gutem Willen als "Zwei halbe Schläge" durchgeht. Wenn Sie damals ™ als Kinder im Garten Cowboy und Indianer gespielt haben, dann kennen Sie den Knoten. Der hieß da einfach „Doppelknoten“ und war relativ final. Und wenn Sie sich jetzt daran erinnern, wie friemelig das war, einen Doppelknoten bei dem Kollegen am Marterpfahl zu lösen, dann stellen Sie sich das mal vor mit einem zentimeterdicken Tau, das von einem im Wind stehenden Riesensegel gestrafft wird und jetzt (gemeint ist: JETZT!!!!) los muss.

Für die Werber: Auf der Adrenalinschubskala wäre das ungefähr das Niveau, vor der Präsentation und versammelter Mannschaft im Konfi des Kunden zu stehen und auf die Frage an den Kollegen nach dem Laptop ein „Wie? Ich dachte du ...“ zu bekommen. Multipliziert mit einem Faktor Ihrer Wahl. Unschön.

Aber auf der Kogge eben lösbar (gut, auch in der Werbung sind Extremsituationen lösbar, nur: auf der Kogge gibt es dafür wenigstens eine Axt). Mit der Kogge segeln zu lernen ist großartig. Es ist zwar Multitasking galore (Vokabeln lernen und gleichzeitig deren Bedeutung ignorieren, während man Bewegungsabläufe durchführt, die andere Vokabeln betreffen. Eat this, Schirrmacher), aber eben auch Entschleunigung (eat this, Internet). Wenn das jeweilige Manöver durch ist, sitzt man an Deck und genießt die Sonne und das sanfte Rauschen der Wellen. Oder den Regen und die Katerstimmung von Poseidon oder wie Gott ohne Wüste heißt. Das kann man sich auch nicht immer aussuchen.

Schön ist auch, mal Kommandos zu erhalten („Vieren. Vieren! Lass los! LASS DAS SCHEISSTAU LOS!!!!) anstatt permanent Kommandos zu geben („Hmmmm, ja, weiß nicht, da fehlt mir die Emotion und kann man das nicht ein bisschen edgier machen, so casual halt, aber ohne, dass das zu gewollt aussieht.“)

Kogge fahren ist anders als normal. Ich kann nicht behaupten, dass ich nichts anderes mehr machen will, aber ich will das öfter machen. Wer sich das mal anschauen möchte, ist übrigens herzlicheingeladen.

Now playing: Rod Steward

*Für die Sprachakrobaten: Ich habe jetzt ernsthaft zwei Minuten drüber nachgedacht, ob das „Tauende“ vielleicht nicht das richtige Wort ist. Also richtig ist es schon, aber es könnte ja auch heißen „das, was gerade taut“. „Oh guck mal, wie schön das glitzert.“ „Was denn?“ „Na das Tauende dahinten.“

Dann hab ich überlegt, es „Seilende“ zu nennen. Da habe ich aber erstens das gleiche Problem: Es kann ein Seilende sein, es kann aber auch etwas Seilendes sein (absurd, ich weiß, aber wenn man sich mit Sprache beschäftigt, macht sich über sowas Gedanken) und außerdem ist es eben kein Seil, sondern ein Tau.

Jetzt gäbe es eine Möglichkeit: Den Bindestrich. Ich hätte einfach schreiben können das Tau-Ende. Aber so sehr ich auch für den Bindestrich eintrete, wenn es um den Lesefluss geht (wer auch nur ein Mal ein Autorennen gesehen hat, der soll mir in die Augen blicken und mir erzählen, er wäre bei dem Wort „Autorennennung“ nicht gestolpert.), wie Panne sieht das bitte aus? (Ich habe übrigens überhaupt kein Problem damit, den Lesefluss mit Klammern zu unterbrechen, ganz im Gegenteil, die Klammer ist eine Waffe!)

Das Problem kann man spaßeshalber auch nochmal mit „Strippe“ weiter verkopfen, mach ich aber nicht, sonst kommen wieder nur Schmuddelgoogler statt Qualitätsleser.

Kommentare:

Matt hat gesagt…

Ich kann Sie beruhigen, verehrter Ramses, Sie haben sich völlig richtig verhalten. Denn der des Sprechens und Lesens Mächtige ist geradezu darauf geeicht, die Semantik von Wörtern kontextuell zu ermitteln. In Ihrem Fall war von Eis und Schnee weit und breit nix zu lesen, daher blieb nur das Ende des Taus als sinnvoll übrig. Und darauf können Sie sich gerne verlassen – jetzt und fürderhin.

Andreas hat gesagt…

Vorschlag: auf seemännisch ausdrücken: Tampen.

Herrlicher Bericht.

ramses101 hat gesagt…

@Matt: Ich gebe zu, das Problem ewar eher theoretischer Natur.

@Andreas: Danke. Auch für die Vokabel, mein seemännisch lässt in der Tat noch sehr zu wünschen übrig.

fraumaus hat gesagt…

Das hast du schon ganz richtig gemacht. Ich als Repräsentantin des nicht-werbenden Fußvolkes jedenfalls hatte keine Winter-Assoziationen... ;o)

Wunderschöner Eintrag, übrigens. Da möchte man selbst ja auch gern mal... :-)

ramses101 hat gesagt…

Ja immer zu! So ein Tagestörn ist sogar kinderkompatibel ;-)

St. Elmo hat gesagt…

Fein geschrieben, mein Guter. Für mich ist die Kogge ja das kommunikative Gegenprogramm, du bringst beides wieder zusammen. Gelungen!

Gerold Braun hat gesagt…

Vorschlag einer Landratte: sag doch das Reepende

alles b. hat gesagt…

Ich mag spät dran sein mit der Beobachtung. Aber wussten Sie, dass Darth mit von der Partie war? Erstes Bild, unten links. For sure.

alles b.linderpassagier

ramses101 hat gesagt…

Der Blick für Details. Ich bin b.eindruckt.