Dienstag, Dezember 29, 2009

Vorschau auf das Jahr 2010

Januar

In Hamburg versuchen Unbekannte, ein Rad zu stehlen, schaffen es aber nicht rechtzeitig vom Polizeiparkplatz. Al Kaida bekennt sich via Twitter zu dem Anschlag und faselt etwas von „mit Ansage“. Der neue Innenminister Karl-Theodor zu Guttenberg dementiert die Meldung, ihm haben entsprechende Berichte vorgelegen, verspricht aber eine zeitnahe und umfassende Prüfung in den Bereich der Erwägung zu ziehen.

Februar

Kindergeld erhalten nur noch Familien, die durch unvorhergesehene Erbschaften unverschuldet in finanzielle Ausnahmesituationen geraten sind. Mit den Einsparungen soll die neue, flächendeckende Überwachung überwachter Plätze gewährleistet werden, nachdem im Januar eine Kamera ausgefallen ist und sich Al Kaida zu dem Anschlag bekannt hat. Der neue Familienminister Karl-Theodor zu Guttenberg zeigt sich empört und dementiert Berichte, die Pläne dazu seien „uralt“.

März

Nach einem sprunghaften Anstieg an Erbschaftsfällen weist die demografische Entwicklung erstmals seit langem wieder einen prozentualen Anstieg der jüngeren Bevölkerung auf. Frank Schirrmacher schreibt das Sachbuch „Jugendwahn – wie das Älterwerden das Aufwachsen verändert“ und wird die Spiegel-Bestsellerliste bis Ende des Jahres nicht mehr verlassen. Experten warnen vor einem Wiederanstieg des Alters, der neue Arbeitsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wiegelt ab und dementiert entsprechende Berichte.

April

Twitter kauft Opel. Das Risikokapital wird von der Bundesregierung mitgetragen nach der Zusicherung, eine Monetarisierung durch User-Generated-Cars (UGC) sei vielleicht denkbar. Er sei sehr zuversichtlich und stolz, diesen Deal mit viel persönlichem Engagement ermöglicht zu haben, so der neue Finanzminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Frank Schirrmacher kündigt medienwirksam an, seinen Twitteraccount (fast neu, nie benutzt) versteigern zu wollen.

Mai

Eine Minifinanzkrise der Kreissparkasse Fallingbostel reicht aus, um das fragile Gebäude Twitter-Opel zum Einsturz zu bringen. Twitter kann gerettet werden, Al Kaida erbt Opel und löst sich daraufhin auf. Social-Media-Experten sehen sich in fast getätigten Prognosen bestätigt und betonen in ungewohnter Einigkeit die Dringlichkeit der Neuorientierung der Unternehmen der alten Schule im Web2.0. Der neue Landwirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hingegen dementiert Berichte, denen zufolge jeder Landwirt twittern müsse, wolle er denn auch in Zukunft bestehen.

Juni

Das Onlineproblem in der Landwirtschaft nimmt immer größere Ausmaße an, Viehhandel findet praktisch nur noch bei Farmville statt, rentiert sich aber immer seltener. RTL startet daraufhin die Dokusoap „Bauer sucht Sau“ und landet damit einen Überraschungserfolg. Frank Schirrmacher schreibt das Sachbuch „Fleischeslust – wie das Essen unsere Verdauung verändert“ und präsentiert es in Kerners neuer Sendung „JBK – nachts um halb zwei“. Der neue Umweltminister Karl-Theodor zu Guttenberg wehrt fast alle Vorwürfe ab, an der Misere Schuld zu sein und schiebt es auf den Entwicklungsminister.

Juli

Das Sommerloch wird rechtzeitig gestopft von Kopierfleisch aus China. Der neue Minister für Entwicklungshilfe Karl-Theodor zu Guttenberg freut sich aufs „späte aber heiß ersehnte“ Angrillen in diesem Jahr, muss sich aber den Vorwürfen stellen, einen ausländischen Markt mit deutschen Steuergeldern zu stützen, die eigentlich für die Katz gewesen wären. Slowenien wird überraschend Weltmeister, findet jedoch in den deutschen Medien kaum Erwähnung, was Trainer Lothar Matthäus verbittert darauf schiebt, dass in den Redaktionen zu wenig Leute säßen, „die wo auch mal Verantwortung übernehmen“. (Anm. d. Red.: "nehmen" as in "nähmen")

August

Hartmuth Mehdorn, CEO der insolventen Beratungsagentur „Karriere auf tausend Zügen“ (kurz: KATZ), fordert in Kerners neuer Sendung „JBK – nachts um halb drei“ ein entschiedeneres Eingreifen des Staates um der Wirtschaft das Erwirtschaften zu ermöglichen. Der neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg twittert lakonisch „LOOOOOL Erzähl DU mir was von Wirtschaft ^^ #Bahn #Börse #Epic-Fail #pwned“.

September

Auf der Buchmesse stellt Altkanzler Gerhard Schröder sein Buch „So hammwa nich gewettet!“ vor. Darin beschreibt er erstmals den Deal, der ihn bewogen hat, den Machtwechsel herbeizupoltern. Kanzlerin Merkel reagiert verschnupft, der neue Gesundheitsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wünscht gute Besserung.

Oktober

Barack Obama erhält den Literaturnobelpreis für die Ankündigung, in Zukunft vielleicht sämtliche Keksrezepte seiner Frau schriftlich festzuhalten. Der Friedensnobelpreis geht an Twitter wegen der Nummer mit Opel und Al Kaida, der lange favorisierte neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg geht trotz seines Einsatzes für die Ächtung hässlicher Uniformen überraschenderweise leer aus und schreibt ein wütendes Vorwort für Frank Schirrmachers neues Buch „Tweed oder Tweet – wie Buchstaben unsere Wörter verändern“.

November

Boris Becker heiratet die T-Shirt-Designerin Mandy Müller-Weiden woraufhin Lothar Matthäus sich weigert, weiter Unterhalt für das gemeinsame Kind zu zahlen, obwohl er natürlich jemand sei „der wo gerne Verantwortung übernimmt“. Uli Hoeneß ruft trotzdem nicht an, dafür aber der neue Bildungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der Matthäus für den Ausbau der Hochbegabtenförderung gewinnen kann.

Dezember

Nach einer unangemeldeten Fahrt mit dem Dienstwagen zum Kiosk gerät der neue Verkehrsminister Karl-Theodor zu Guttenberg unter Druck. Außenminister Westerwelle fordert aus Versehen und alter Gewohnheit Neuwahlen, eine bei ihrer Neujahrsansprache dauergrinsende Bundeskanzlerin sorgt in den Medien für wilde Spekulationen.

Kommen Sie bitte alle gut ins neue Jahr.

Now playing: Jimi Hendrix – Auld Lang Syne

Mittwoch, Dezember 16, 2009

Springer stößt das Hamburger Abendblatt von der Klippe.

Wenn schon der erste Satz Quatsch ist, lohnt es sich weiterzulesen:
"Seit heute profitieren Zeitungsabonnenten."
Tja. Da ist man als Abonnent doch geneigt, „endlich!“ zu rufen, jedenfalls bis man dann erfährt, was überhaupt gemeint ist:
"Für sie ist abendblatt.de kostenlos. Alle anderen zahlen 7,95 Euro im Monat für Berichte aus Hamburg und dem Norden."
Das steht ernsthaft da:
"Alle anderen zahlen 7,95 Euro im Monat."
Im Indikativ. Anstatt korrekt zu formulieren: "würden zahlen, wenn sie denn wollten". Da kommt natürlich die Frage auf, ob das Schlampigkeit oder Trotz war. Ich tippe auf Trotz, der in der Redaktionssitzung natürlich noch Kampfgeist hieß. Dabei hat das Hamburger Abendblatt ja im Prinzip Recht:
"Denn Qualitätsjournalismus ist per se eben nicht kostenlos, sondern kostenintensiv. Wer Qualitätsjournalismus zum Nulltarif will, will keinen Qualitätsjournalismus."
Dem möchte ich vorsichtshalber hinzufügen: Wer Qualitätsjournalismus verkaufen will, muss Qualitätsjournalismus anbieten. Aber das wird Springer schon bedacht haben. Oder nicht?

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr die Medien darauf pochen, dass das, was sie abliefern, Qualitätsjournalismus sei. Die einzige Hürde, die bloßer Inhalt auf dem Weg zum Qualitätsjournalismus zu nehmen hat, scheint die ins Blatt zu sein. Die Qualität des Inhalts ist es jedenfalls nicht, die ihn beim Hamburger Abendblatt zu Qualitätsjournalismus macht. Auch wenn dieser Inhalt ein – zumindest nach meinem Dafürhalten – wichtiges Kriterium erfüllt: Er lässt einen mit offenem Mund staunend innehalten. Leider liegt das weniger an der Brillanz des Geschriebenen als vielmehr an dem völligen Ausblenden des Faktischen:
"Als das Internet aufkam, war die Begeisterung für die neue Technik lange größer als der Sachverstand. Berauscht von den Möglichkeiten des weltweiten Webs vergaß man das Naheliegende, nämlich Geld zu verdienen."
Das floss tatsächlich aus der Feder des Autors, der meint, Qualitätsjournalismus abzuliefern: Im Internet wird kein Geld verdient. Wie bitte? Ach so: man verdient kein Geld. Jetzt kann es natürlich sein, dass das Hamburger Abendblatt mit „man“ eigentlich das Hamburger Abendblatt und seine armen Geschwister meint, aber dann hätte der Schreiber das ja auch so formuliert. Qualitätsjournalismus, nich nich?

Der größte Witz an der Sache ist allerdings, dass man lediglich die Schlagzeilen googeln muss, um die Artikel trotzdem lesen zu können - wenn man sich die Mühe machen will.

Now playing: Evis – Crying in the chapel

Donnerstag, Dezember 03, 2009

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.

Datenschutz, Privatsphäre, Facebook, dünnes Eis und so. Hat eigentlich irgend jemand den offenen Brief von Mark Zuckerberg tatsächlich gelesen? Falls nicht, hab ich die entscheidende Stelle (Klick = groß) mal herausgehoben:



Nicht, dass mir nachher wieder jemand kommt mit „habichnichtgewusst“.

Now playing: A-ha – I wish I cared