„We welcome you on board of da interwebs. Please fasten your seatbelts and enjoy the flight.“Frank Schirrmacher nörgelt in seinem Buch „Payback“ pathetisch über Computer, Technik und das Internet. Er wird zwar nicht müde zu betonen, dass das eben keine Nörgelei und er selbst technisch durchaus auf der Höhe der Zeit sei. Das nimmt ihm nur keiner ab und das musste die Reaktionen in der Blogosphäre hervorrufen, die es hervorgerufen hat.
Wahrscheinlich sollte es das auch, in zwei drei Wochen könnte Schirrmacher jedenfalls genüsslich verkünden, er hätte Recht mit seiner These, die Menschen würden sich mehr und mehr Maschinen angleichen, schließlich musste er nur ein paar Knöpfe drücken und die Maschine sprang an und produzierte die gewünschten Blogartikel.
Nun haben die Kritiker ja nicht ganz unrecht mit ihren Schmähschriften, nur leider geht die momentane Debatte ein bisschen am Kernthema vorbei (was allerdings auch an Schirrmacher selbst liegt): Wie verändern Computer und Internet das Denken? Denn dass sie das Denken verändern, sollte auf der Hand liegen. An dieser Stelle wird von Internetcheckern gerne gegähnt und darauf verwiesen, dass es derartige Ängste auch schon bei Buch und Fernsehen gegeben habe. Stimmt, die gab es.
Aber will mir ernsthaft jemand erzählen, Buch und Fernsehen hätten das Denken nicht verändert? Think again. Und auch das Internet und der Rechner müssen das Denken verändern, weil, abgesehen von den Digital Natives, nun mal keiner damit aufgewachsen ist. Das kann man jetzt doof finden, das kann man aber auch gut finden. Nur wird es jeder, pro oder contra Internet, akzeptieren müssen.
Schirrmacher schreibt viel über Multitasking und über Information-Overflow. Zu Multitasking kann ich nicht viel sagen, außer, dass ich kein Problem damit habe, beim Fernsehen zwischendurch zu twittern und gleichzeitig über Konzepte nachzudenken. „Körperverletzung“, wie Schirrmacher diagnostiziert, ist das nicht. Ob das schon das „Neue Denken“ ist, weiß ich allerdings auch nicht.
Das Problem des Information-Overflows hingegen gibt es. Und wenn jetzt Leute erzählen, nicht die vielen Informationen seien das Problem, sondern die unzureichenden Filter, dann ist das unpräzise gedacht. Wenn zu viel Zucker Karies verursacht, dann ist nicht die offene Tür zur Speisekammer das Problem, sondern weiterhin der Zucker in der Kammer. Natürlich verhindert eine geschlossene Tür das Problem und natürlich helfen Filter, Informationen zu bündeln und zu ordnen. Das ändert aber nichts daran, dass wir immer wieder in Situationen kommen, in denen es schlicht zu viele Informationen gibt, um sie vernünftig verarbeiten zu können.
Tim hat auf Twitter geschrieben:
"There's no such thing as too much information. If there was we would immediately die when entering a library, wouldn't we?"Das ist natürlich überspitzt ausgedrückt, aber ich möchte das Beispiel trotzdem aufnehmen. Die einzige Information, die wir beim Betreten einer Bibliothek bekommen, ist nämlich: Hier gibt es ganz schön viele Bücher (und auch diese Information kommt in der Regel nicht sonderlich überraschend). Der Information-Overflow setzt dann ein, wenn ich mehr Informationen bekomme, als ich gewohnt bin oder erwartet habe.
Wenn ich mich auf einen Segel
Im Internet passiert das ständig, denn im Internet steht eine ganze Menge. Und google versorgt uns mit einer ganzen Menge an Informationen (wenngleich auch hier nur ein Bruchteil dessen durchsucht wird, was das Web eigentlich an Inhalten zu bieten hat. Die unglaubliche Zahl aus dem Jahr 2001: 0,03% ). Es gibt also den Information-Overflow und es gibt aus ihm resultierende Probleme.
Aber er schärft auch das Denken, jedenfalls wenn man sich der Probleme bewusst ist. Wer ungeprüft und ohne zu hinterfragen die Information auf Platz 1 der google-Suche übernimmt und der Quelle glaubt, hat früher oder später verloren (übrigens ein sehr typisches Problem der Digital Natives). Im schlimmsten Fall findet google nämlich nicht denjenigen, der sich mit dem Suchthema am besten auskennt, sondern denjenigen, der sich mit google am besten auskennt.
Das war früher™ etwas anders. Gut, auch vor 30 Jahren haben diejenigen, die mitdachten, eine Information anders bewertet und eingeschätzt, abhängig davon ob sie beispielsweise aus der „Bild“ oder der „NZZ“ kam. Heute gibt es plötzlich unendlich viele Informationsquellen, die in ihrer Qualität mit Sicherheit weiter auseinander liegen, als Zeitungen je hätten liegen können. Ich werde vom Computer tatsächlich permanent zum schärferen Nachdenken und Aufpassen gezwungen. Ich kann also weiter zu Thalia gehen oder ich lerne, in der Bibliothek für Seeschifffahrt zurecht zu kommen.
Und wenn das das „Neue Denken“ ist, dann lass dich mal ganz tüchtig knuddeln, liebes Internetz.
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