Mittwoch, Dezember 16, 2009

Springer stößt das Hamburger Abendblatt von der Klippe.

Wenn schon der erste Satz Quatsch ist, lohnt es sich weiterzulesen:
"Seit heute profitieren Zeitungsabonnenten."
Tja. Da ist man als Abonnent doch geneigt, „endlich!“ zu rufen, jedenfalls bis man dann erfährt, was überhaupt gemeint ist:
"Für sie ist abendblatt.de kostenlos. Alle anderen zahlen 7,95 Euro im Monat für Berichte aus Hamburg und dem Norden."
Das steht ernsthaft da:
"Alle anderen zahlen 7,95 Euro im Monat."
Im Indikativ. Anstatt korrekt zu formulieren: "würden zahlen, wenn sie denn wollten". Da kommt natürlich die Frage auf, ob das Schlampigkeit oder Trotz war. Ich tippe auf Trotz, der in der Redaktionssitzung natürlich noch Kampfgeist hieß. Dabei hat das Hamburger Abendblatt ja im Prinzip Recht:
"Denn Qualitätsjournalismus ist per se eben nicht kostenlos, sondern kostenintensiv. Wer Qualitätsjournalismus zum Nulltarif will, will keinen Qualitätsjournalismus."
Dem möchte ich vorsichtshalber hinzufügen: Wer Qualitätsjournalismus verkaufen will, muss Qualitätsjournalismus anbieten. Aber das wird Springer schon bedacht haben. Oder nicht?

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr die Medien darauf pochen, dass das, was sie abliefern, Qualitätsjournalismus sei. Die einzige Hürde, die bloßer Inhalt auf dem Weg zum Qualitätsjournalismus zu nehmen hat, scheint die ins Blatt zu sein. Die Qualität des Inhalts ist es jedenfalls nicht, die ihn beim Hamburger Abendblatt zu Qualitätsjournalismus macht. Auch wenn dieser Inhalt ein – zumindest nach meinem Dafürhalten – wichtiges Kriterium erfüllt: Er lässt einen mit offenem Mund staunend innehalten. Leider liegt das weniger an der Brillanz des Geschriebenen als vielmehr an dem völligen Ausblenden des Faktischen:
"Als das Internet aufkam, war die Begeisterung für die neue Technik lange größer als der Sachverstand. Berauscht von den Möglichkeiten des weltweiten Webs vergaß man das Naheliegende, nämlich Geld zu verdienen."
Das floss tatsächlich aus der Feder des Autors, der meint, Qualitätsjournalismus abzuliefern: Im Internet wird kein Geld verdient. Wie bitte? Ach so: man verdient kein Geld. Jetzt kann es natürlich sein, dass das Hamburger Abendblatt mit „man“ eigentlich das Hamburger Abendblatt und seine armen Geschwister meint, aber dann hätte der Schreiber das ja auch so formuliert. Qualitätsjournalismus, nich nich?

Der größte Witz an der Sache ist allerdings, dass man lediglich die Schlagzeilen googeln muss, um die Artikel trotzdem lesen zu können - wenn man sich die Mühe machen will.

Now playing: Evis – Crying in the chapel

Kommentare:

German Psycho hat gesagt…

Ich glaube, der ganze Satz ist eh nur auf das Abendblatt gemünzt: Im Internet wird nämlich nicht nur kein Geld durch das Abendblatt verdient, es wird auch das Internet vom Abendblatt nicht so ganz verstanden, Passivkonstruktionen hingegen werden vom Abendblatt recht gern bemüht, weil der Akteur dabei weggelassen wird.

ramses101 hat gesagt…

Wobei die Passiv-Nummer eine böse Falle der Bequemlichkeit ist. Fällt man ("man" as in "ich") trotz allem immer wieder mal drauf rein.