Donnerstag, Oktober 01, 2009

Heut mal lecker prollig.

In der Kolumne Darf man den Herbst duzen? kommt Max Goldt irgendwann zu dem Bekenntnis: „Herbst, wir sind gerne zu Gast in deinem Mantel.“ Das kann ich unterstreichen.

Herr Herbst hat an Eindrücken einfach mehr zu bieten als seine Kollegen. Sogar auf dem Balkon: Der letzte Lavendel ist geerntet worden und wird möglichst kitschig-sophisticated mit Rotwein fotografiert:



Man lernt Rost wieder als Patina zu schätzen und verwelkendes Pflanzgut als Symbol für Vergänglichkeit oder so Zeug:



Den Rosmarin kann man auch im Winter beruhigt auf dem Balkon lassen, das kann der ab, auch wenn er für einige Zeit nicht mehr ganz so duftet, wie auf diesem Bild:



Ein Blick auf die Tomaten, die dann doch noch hervorragend performt* haben, lässt allerdings etwas Wehmut aufkommen, denn Tomaten, Herbst, die kannst du nicht.

Warum Tomaten in Deutschland nicht Paradeiser heißen, ist mir übrigens ein absolutes Rätsel. Denn die Vierländer Krause gehört zu den leckersten Dingen, die der liebe Marduk je geschaffen hat.



Und wenn ich „lecker“ sage, meine ich genau das: Lecker. Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, dass „lecker“ plötzlich zum Unterschichtenwort wurde. Ich weiß, dass es in südlichen deutschsprachigen Gefilden traditionell nicht gut ankommt, aber auch da weiß ich wieder nicht, warum und seit wann.

Was ich aber weiß, ist, dass Max Goldt das Wort auch nicht sonderlich mag. Das finde ich zwar komisch, aber das ist natürlich Geschmackssache. In seinem wunderbaren neuen Buch heißt es, das Wort
“sei wirklich nichts als eine harmlose, dumme, lächerliche Mikrobe“
und besser wären Adjektive wie „wohlschmeckend“, „schmackhaft“ oder einfach „gut“.

Nur: Wieso? Schlägt man „lecker“ in der Sprach-Allzweckwaffe Grimm nach, stolpert man nämlich über so manchen Namen, der nicht weiter von Dummheit und Lächerlichkeit entfernt sein könnte, noch dazu in sprachlicher Hinsicht.

Ja, „lecker“ ist etwas unaristokratischer als „wohlschmeckend“. Aber hat sich schon mal jemand nach einem leckeren 6-Gänge-Menü müde zurückgelehnt und mit einem wohligen Seufzer ein „Jössas war das wohlschmeckend“ von sich gegeben? Ein „gut“ mag an dieser Stelle öfter vorkommen – aber was ist falsch an „lecker“? Gut kann auch eine Lesung sein. Aber lecker? Werde ich ihn glatt mal fragen, wenn ich ihm sein Buch auf der nächsten Lesung zum Signieren unter die Nase halte.

PS: Wortmissbrauch in Müslispots ist kein Argument.

Now playing: Cheryl Wheeler – Unworthy

(Mit im Bild: Auf dem Balkon gezogene Galapagos-Tomaten (gelb) und Johannisbeertomaten (rot))

*Nur für euch, liebe Sprachnörgler, nur für euch.

Kommentare:

Pest Krause hat gesagt…

Zu Zeiten ließ ich mich auch von solch Sprachwischiwaschisten verehrfürchtigen, aber ha! das ist vorbei. Vorbei, sag ich! Heute schaffe ich mir sogar meine Sprache selbst und pansche, wie mir die Tastatur gewachsen ist.

Apropos: Leckere Tomaten hamse da!

ramses101 hat gesagt…

Genau so sollte man es machen. Und vielen Dank für "Sprachwischiwaschisten"!

dieJulia hat gesagt…

Ich glaube, lieber Herr Ramses, ich glaube, ich werde mir nächstes Jahr bei Ihnen ein paar paradeisige Ezzes holen - wird mir doch angesichts Ihrer wunderbar prallen, fleischigen, verführerischen und, da bin ich mir völlig sicher, voll leckeren Schönen ganz dings vor lauter Vorfreude auf die (ich bin da durch und durch Zweckoptimistin - was sind schon ein paar Monate) kommende Balkonsaison. Quasi Tomatenporno für kleine Solanumfetischistinnen! Ach so, und: für den Satz, der eigentlich reinste Poesie ist - "Tomaten, Herbst, die kannst du nicht", könnt' ich Sie quasi abbusseln.

Ad hat gesagt…

"ich kann tomaten" lasse ich euch noch hier so rumliegen... und geh mir derweil ein wurstbaum pflanzen.

ramses101 hat gesagt…

Frau Julia, herzlichen Dank für die warmen Worte, auch für die, die ich nachschlagen musste (gut, es war nur "Ezzes", "busserln" wollen sie ja schließlich alle)und insbesondere für "Tomatenporno".

Dass es allerdings "Wurstbäume" gibt, lieber Herr ad, hätte ich nicht nur nicht gedacht, ich hätte auch viel Geld dagegen gesetzt. Das ist ja fast so irreführend wie Fleischpflanzerl oder, schlimmer noch, Palatschinken.

milchsaeure hat gesagt…

Meine Tomaten sind dieses Jahr total unporno. Nur mehlig. Nicht lecker. Werden auch jetzt erst rot. Zu spät? Oder falsche Setzlinge gekauft? Bin halt 'ne Baumarkt-Schlampe.

Joshuatree hat gesagt…

Danke Don Ramses ;-)

ramses101 hat gesagt…

@milchsaeure: Meine Quelle der Wahl: http://www.deaflora.de/ Das einzig Blöde ist, dass die erst nach den Eisheiligen verschicken. Aber vorher muss man Tomaten ja eh nicht raussetzen.

@Joshuatree: Immer gerne. Aber das "Don" macht so alt.

Joshuatree hat gesagt…

Macht nichts. Bloggen ist halt so ... ;-) Andere Dons können täglich mehrere Berufszweige und deren Menschen pauschal unter dem Bild einer persönlich-pseudokitschigen italienischen Madonna und einem Apfel mit ein paar gewürzten Worten verkochen lassen und haben Erfolg.

Gerold Braun hat gesagt…

@blindtext "Ich weiß nicht, wann es angefangen hat, dass „lecker“ plötzlich zum Unterschichtenwort wurde. .."

1978 wars. Da veröffentlichte die Band http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6hner auch ihr erstes Album Ich well noh Hus, das den heutigen Karnevalsklassiker Blootwoosch, Kölsch un e lecker Mädche enthält.

Joshuatree hat gesagt…

Nachtrag: Lieber Ramses, auf meinem Balkon erntete ich eben die wohl letzte Kirschtomate. Sie schmeckte wundervoll. Wahrscheinlich, weil der Winter kommt.

ramses101 hat gesagt…

@Gerold: Das mit den Höhnern hab ich schonmal irgendwo gelesen. Das scheint mir aber ein Tick zu viel Einfluss auf die Sprache. Jedenfalls für eine Kölner Lokalkombo ;-)

@Josjuatree: Tja, gewöhnen wir uns halt wieder an die auf der Reise nach Deutschland gereiften Tomatenimitate.

Torsten Gaitzsch hat gesagt…

"lecker" ist imho nur dann ekelhaft, wenn es (und das meint Herr Goldt wahrscheinlich auch) unflektiert verwendet wird, also zB "lecker Mädche", "lecker Beeren" usw.
Die Scheu vor der Flexion rührt meiner Meinung nach von der Endung auf -er her, die ja auch eine normale Endung des Nominativ Maskulinum sein kann, vgl. "ein leckerer Pudding". Korrekt ist ja auch die Komparativ-Form "leckererer" (ein Pudding, der noch leckerer ist), und dafür findet man bei Google fast gar keine Treffer.

ramses101 hat gesagt…

Nee, nee, er meint schon das Wort ansich. Er ist der Meinung, dass zwar, z.B. Bonbons oder ähnliches Zeug als "lecker" bezeichnet werden können, nicht aber ganze Mahlzeiten.

Gerold Braun hat gesagt…

nochmal lecker: http://www.sueddeutsche.de/kultur/256/404035/bilder/?img=16.0

sorry, musste jetzt aber sein

dLTexid hat gesagt…

"Er ist der Meinung, dass zwar, z.B. Bonbons oder ähnliches Zeug als "lecker" bezeichnet werden können, nicht aber ganze Mahlzeiten." - Dann hat der gute Mann halt ein Problem. Sobald etwas schmeckt, ist es lecker. Basta!