Samstag, September 12, 2009

Rock'n'Roll ohne Rock oder Roll.

Wir kommen in Wismar am Hafen bei unserer Hansekogge an und stecken fünf Minuten später in Mittelalterklamotten. Nicht ohne Momente der Verwirrung: „So weit so gut, aber würde das mit google nicht authentischer aussehen?“ Dann müssen wir wieder runter und reihen uns ein in einen Zug, der zum offiziellen Gedöns führt im Zuge der Feierlichkeiten zum 750sten Jahrestag des Schutzbündnisses zwischen Lübeck, Wismar und Rostock. Wir stehen mit vielen Menschen in Filzkleidung vor dem Wismarer Rathaus und hören uns eine Stunde lang an, wie viele Leute nichts sagen. Immerhin: Danach gibt es unerwartet was zu fressen. Und mit „fressen“ meine ich „fressen“. Beim Hansemahl in der Kirche, deren Namen ich vergessen habe..

Gerechnet habe ich für mein erstes Abendbrot auf der Hansekogge mit Pökelfleisch, Hartbrot und einer Zitrone gegen Skorbut. Deshalb war ich leicht überrascht: Etwa 500 Gäste machten sich her über Spanferkel, Sülze, Fisch, Fisch, Fisch, weißen Speck, Eier und Brot, Fisch, viel Wein, viel Bier, Kräuterschnaps, dazu Fisch und Fisch, unterbrochen von Wurst, Eiern, Fleisch und Fisch. Die Gemüsefreunde durften an Kartoffelpuffern knabbern, ich vermute aber, dass das eher als Gag gedacht war. Gesungen wurde auch. Ich singe gerne in der Kirche, gerne auch Seemannslieder in mecklenburgischem Platt.

Dann, sehr viel später, zurück in den Hafen und auf die „Kieler Kogge“ die für die nächsten Tage unser Zuhause sein sollte. Nach Originalvorbild gebaute Koggen gibt es einige, aber nur eine, die tatsächlich nach Mittelalterart betrieben wird. Auf der sind wir ab jetzt unterwegs und deutlich wird das, als ich nach dem Klo frage. Gäbe es zwar auch unter Deck, aber da die Hälfte der Crew schon pennt, wäre es unkollegial, da jetzt Krach zu machen. Toilette gibt es auch an Deck. Open Air. Oben wie unten.

Wenn man dann die Gunst der Stunde nutzen will, um, mal sagen, einer Ente auf den Kopf zu kacken, dann kann man das auf diesem luftigen Lokus wunderbar tun.



(Aber nicht vom Hafenmeister erwischen lassen).

Die erste Nacht an Bord ist anstrengend. 10 Leute unter Deck. Da bleibt es nicht aus, dass jemand schnarcht. Und noch jemand. Und noch jemand. Dem Hansemahl sei Dank, habe ich genug Alkohol intus, um das zu ignorieren. Trotzdem bin ich um 6 Uhr wieder wach. Eine Stunde vorm offiziellen Wecken. Zeit, mal zu schauen, wo ich eigentlich bin (und ein paar Tage bleiben werde):



Der hochsympathische Skipper erzählt später, wie es so an Bord funktioniert. Grundtenor: Gesunder Menschenverstand rulez, das werden auch die erfahrenen Crewmitglieder immer wieder bestätigen – Crewmitglieder (6) wie Gäste (4) müssen gleichermaßen mit anpacken, drücken kann man sich auf einer Kogge nicht so recht. Ansonsten hat der Skipper am meisten Erfahrung und damit logischerweise immer Recht. Jedenfalls wird nicht viel diskutiert, weil es mitunter sehr schnell gehen muss. Wenn man zum Beispiel hört: Warschau Typhon!, dann sollte man besser Bescheid wissen anstatt nachdenken zu müssen.

War-Schau ist eine Mischung aus „Warnung“ und „Schauen“, „Typhon“ bezeichnet die Schiffshupe (also dieses Ding, das ich, wird es auf der Queen Mary 2 an den Landungsbrücken aktiviert, mal schön bis Eimsbüttel hören kann) wenn ich das richtig in Erinnerung behalten habe, was Sie durchaus in Frage stellen dürfen. Spielt aber auch keine Rolle, eine große Ausweichchance hat man jedenfalls nicht. Wenn der Ruf „War-Schau Typhon!“ erschallt und man trotz vorheriger Einweisung noch leicht träumend denkt „Warschau was?“ hupt einem das Typhon längst sämtliche Gedanken von einer Schädelseite zur anderen und pustet sie in einer Schneise der Zerstörung als Lärchenklänge durch das verbliebene Ohr unwiederbringlich hinfort. Aber das mit den Lärchenklängen ist natürlich Theorie, man hört schließlich nichts mehr.

Zu tun gibt es genug, denn, wie gesagt: Das Boot wird nach Mittelalterart geführt und gesegelt. Und zwischen Schippern und Segeln hat der liebe Neptun das Segelsetzen gesetzt. Das wiederum hat, bei 100 qm Grund- und 190 qm Maximalsegelfläche, nichts, genauer: gar nichts, mit dem „Sportsegeln“ zu tun, das man so von Menschen kennt, die rosa Polohemden tragen. Nein: Mittelalterliches Segelsetzen hat viel mit Knochenarbeit zu tun. Mit Bewegungen, bei denen sich jeder Physiotherapeut schaudernd abwenden würde. Mit diesem Ding, heimtückisch verniedlichend „Bratspill“ genannt, wird die Rahe nach oben gekurbelt. Die wiegt geschätzte sechsundzwanzig Tonnen oder so, Segel nicht mitgerechnet.



Aber das Setzen des Segels lohnt sich in jedem Fall, denn Segeln macht Spaß – auch unter Mittelalterbedingungen. Es ist tatsächlich erstaunlich, mit wie viel Logik und mit wie wenig (*hüstel*) Einsatz sich 90 Tonnen Schiff bewegen lassen.

Was folgt, ist Entschleunigung, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Auch wenn hier und da mal eine Fähre auf Abfangkurs geht.



Meine Armbanduhr bleibt am ersten Tag um 17 Uhr nochwas stehen, ich ziehe sie nicht wieder auf - die Uhrzeit ist wirklich scheißegal: wann wir im Hafen von Fehmarn ankommen, diktiert eh der Wind. Nach dem Ankommen: Bier, dann Bett. Unter Deck gluckert das Wasser knapp 30 Zentimeter über der Koje laut gegen die Bordwand, aber das ist beruhigender als es sich liest. Und so sieht der Hafen um 6 Uhr (again) morgens aus:



Zu tun gibt es, neben dem Setzen des Segels und dem Anknüpfen der Bonnets, zusätzlicher Segelteile, genug. Seile aufhängen, aufs Meer schauen und so Zeug.



Mächtig was los auf der Ostsee übrigens :



Später am Tag: Sonne, Arbeit, Essen (oft, sehr oft!), Arbeit, Sonne und Knoten lernen. Abends: Vor Dänemark vor Anker gehen. Und das hat mal richtig was.



Am Abend wird gegessen, getrunken und ich schlafe gleich an Deck. Prävention. Wellen schaukeln mich in den Schlaf, Möwen holen mich heraus. 6 Uhr, logisch. Ohne Hafendusche muss Ostseewasser reichen, es wird eh vieles relativ, wenn man auf See ist. Allem voran übrigens: Zeit. Dinge dauern, so lange sie dauern. Und wenn man am Steuer steht und versucht, die Kogge halbwegs gerade auf Kurs Dreidreinull zu halten, dann soll man sich an „Fixpunkten“ am Horizont orientieren aber nie vergessen: „Wolken bewegen sich auch.“



Letzter Tag, 9.00: Pünktlich geht es los. Bei Gegenwind, deshalb leider mit Hilfsmotor (die Kogge kann nicht kreuzen), aber eine Änderung der Windrichtung wurde immerhin vom Wetterbericht angesagt. Und wir wollen schließlich nicht auf lächerliche Hilfsmittel angewiesen sein. Jedenfalls nicht länger als nötig.

9.45: Der Wunschstein geht über Bord mit dem Wunsch nach Nordwind (Stärke 4-5, bitte, wenn wir schon beim Wünschen sind) in spätestens 30 Minuten (wenn sich das ohne Menschenopfer irgendwie einrichten lässt). Nach Tagen der verschworenen Gemeinschaft habe ich ein latent schlechtes Gewissen, weil ich mir parallel (und heimlich) eine Kiste Bier gewünscht habe. Nordwind und Bier bleiben aus, meine Schuld, es muss erst der Mast gestreichelt werden. Und schon dreht der Wind. Ich lüge nicht. Wind = Arbeit, aber das hatten wir schon. Bratspill, my ass!

Irgendwann kommen wir in Kiel an. Und ich bin um einige der besten Urlaubstage reicher, die ich überhaupt haben konnte. Und dringend nötig hatte.

Now playing: Pink Floyd – Comfortably numb

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Schöner Bericht, habe mir sehr amüsiert!
Danke!
Christiane (von der Kieler Hansekogge)

ramses101 hat gesagt…

Ich habe zu danken. War ein sehr schöner Tripp.

Gruß

Rasmus