Mittwoch, April 01, 2009

Schock beim Schlachten: Alles voller Blut und Gedärme und dann ist auch noch das Tier gestorben!

Sarah Wiener zeigt Kindern, wo das Essen herkommt. Und schon ist die Leserbriefseite der Mopo voll von entsetzten Leserbriefschreibern, die ihren Job erledigen und entsetzte Leserbriefe schreiben. Kann ich verstehen: Ist ja auch blöd, wenn die Blagen plötzlich fragen, ob die Frikadelle früher Klopfer hieß.

Mir war so klar, dass nach dem Artikel gleich wieder über Gebührenverschwendung gepoltert würde, ich hätte drauf wetten sollen. Herr wirf Hirn, gerne auch vom toten Tier.

Now playing: Stereo Total - Do the Bambi

Kommentare:

German Psycho hat gesagt…

Ich finde es in der Tat etwas merkwürdig, wenn wir einerseits unsere Kinder vor Killerspielen bewahren wollen, andererseits aber sie dazu ermuntern, fröhliches Tiereschlachten zu betreiben.

Nein, ich bin nicht der Meinung, daß das Kind unbedingt dabeigewesen sein muß, wie einem Kaninchen das Fell über die Ohren gezogen wird, um anschließend das Essen mehr zu würdigen.

Ich halte es für sinnvoll, wenn Kinder das lernen, die später mal Schlachter werden wollen. Vielleicht auch als Grundausbildung für Politiker, die auch möglichst früh darin ausgebildet werden sollten, Lämmer auszunehmen.

Ich jedenfalls habe mir das später alles selbst beibringen müssen. Und wissen Sie was? Das macht auch Spaß.

ramses101 hat gesagt…

Wir wollen Killerspiele verbieten? Na ich schonmal nicht.

Es geht ja nicht darum dass sie das Schlachten lernen. Das hätte ich auch etwas befremdlich gefunden. Es geht darum, dass sie in einer Serie in der es darum geht, Kindern Kochen und Ernährung näher zu bringen eben lernen, wo der Kram herkommt. Kartoffeln wachsen unter der Erde, Birnen am Baum und Fleisch am Tier.

Und wir reden hier auch nicht von Sechsjährigen, sondern von Kindern ab 12. Wobei ich mit 8 oder so bei einer Schweine-Schlachtung auf einem Bauernhof dabei war, hat auch nicht geschadet, im Gegenteil. Und das war in einer Zeit, da gab es so Micky-Maus-Kram wie Betäubung mit Stromschlag noch nicht.

Es geht mir um den empörten Aufschrei der Bequemlichkeits-Käufer, die selber lieber gar nicht wüssten, wo Fleisch herkommt und jetzt glauben, die Kinder würden entweder verrohen oder traumatisiert.

elchivato hat gesagt…

Ja so ist das Leben, rau und geradlinig. Wer Fleisch essen will muss es seinem Vorbesitzer nehmen. Da finde ich die Tatsache, diesen zu töten ganz natürlich. Jedenfalls hinkt der Vergleich mit der Killerspiel-Brutalität. Dort werden die Gegner aus purer Freude am Töten eliminiert. Kaninchen zu schlachten ist kein Mord. Genauso wenig wie Spargel stechen. Es ist eine Notwendigkeit. So wie Kirschen pflücken. Oder hat da schon mal ein Vegetarier gezweifelt, ob der Kirschbaum Schmerz empfindet?

Allerdings sind 14-jährige seit 14 Jahren in Watte gepackt worden, was die Nahrungsherkunft angeht. Der Schock ist verständlich. Vielleicht hätte Frau Wiener mit dem Schälen einer Orange eine bessere Einleitung geschaffen. Und während die Kinder das FruchtFleisch verzehren bringt dann der Assistent den Mümmelmann herein. "so" sagt Frau Wiener "das hier ist auch nur eine Orange, aber mit Fell".

ramses101 hat gesagt…

Eben. Früher war "zu wohlbehütet aufgewachsen" noch spöttisch gemeint für Leute, die spät mit unangenehmen Realitäten konfrontiert wurden. Heute ist das ganz normal.

German Psycho hat gesagt…

Moment mal, das ist doch unlogisch. Wofür brauchen wir denn bitte die Kenntnis über einen Schlachtvorgang? Wieso reicht es nicht, diese theoretisch zu vermitteln, so wie ganz viel anderes Wissen auch?

Wieso schirmen wir Kinder ansonsten eher ab, weil sie eben noch nicht mit all den Dingen konfrontiert werden sollten, mit denen man als Erwachsener umgeht, will dann aber auf einmal einen Vorgang, den schon die meisten Erwachsenen nur schwer aushalten, gleich mal bei 12jährigen demonstrieren?

Ganz ehrlich: Ich versteh es nicht. Minderjährige wachsen natürlicherweise behüteter auf als Erwachsene. Das ist doch völlig menschlich. Und wenn wir die Killerspiele mal durch Gewaltvideos ersetzen, muß man auch nicht um eine Ecke denken, um den Gedankengang nachvollziehen zu können: Einerseits wird Kindern der Zugang zu drastischer Gewaltdarstellung verwehrt, anderseits sollen sie live zusehen, wie son lecker Kaninchen (klar: gleich noch das süßeste Tier, was man essen kann!) geschlachtet wird.

ramses101 hat gesagt…

Mir würde ja das Vermitteln der Theorie durchaus reichen - dann würde es nämlich auch bei der Schlachtung keine großen Augen geben. Aber wo findet das denn statt?

Ich bin auch der Meinung, das Kinder vor Gewaltspielen geschützt werden müssen. Eine Schlachtung ist aber kein Gewaltspiel. Als Schlachter muss man weder abgebrüht noch sadistisch veranlagt sein, kein Schlachter macht das zum Spaß oder entwickelt gar die Kreativität der SAW-Schreiber.

Und das ist eben, was ich kritisiere: Die Leute wollen die Kinder vor etwas schützen, vor dem man kein Kind schützen muss. Das weiß man nur nicht, wenn man es nicht kennt. Wer Blut nur aus Filmen oder Dokus kennt, der macht sich natürlich Sorgen. Er sollte sich aber zusätzlich Gedanken machen, ob es denn sein kann, dass Milliarden Kinder damit aufgewachsen sind - nur seine eigenen sollen dazu nicht in der Lage sein.

Nochmal: Eine Schlachtung ist keine Kartoffelernte, aber noch lange kein Gewaltvideo.

Und warum wurde ein Kaninchen genommen? Weil es um 5 Kinder ging, die etwas zu essen machen sollten. Das Schwein, wir damasl geschlachtet haben, wurde bis zum letzten verwertbaren Rest verwertet. Inklusive Darm (leer) und eine Wanne Blut (voll). Das hat die Kühltruhen von 4 Familien bis an den Rand gefüllt.

Hätten die also ein Schwein, ein Reh oder eine Kuh geschlachtet, hätte ich mindestens von Unverhältnismäßigkeit gesprochen.

eigenart hat gesagt…

Da heißt es immer, die Jugend von heute könnte man mit nichts mehr schocken.

Doch.
Mit simpler Realität.

Dazu muss man noch nicht mal einen Hasen schlachten. Nehmen Sie einfach mal vor einer 10. Klasse nen bereits toten Fisch aus ...

ramses101 hat gesagt…

Angeln ist ein gutes Stichwort. Hab letztens in der FAS einen Bericht über Überfischung gelesen, darin war als Weltklasse-Motiv eine Fischkarte abgebildet, wie man sie aus Küchen kennt. Nur waren über den Fischnamen nicht die entsprechenden Sorten abgebildet, sondern unterschiedlich große Backfische und Fischstäbchen.

Ich sag ja auch nicht, dass jeder selbst angeln, jagen, gärtnern, ausnehmen und ernten sollte. Aber man sollte wissen, wo das Essen herkommt.

Was ich zum Beispiel ablehnen würde, wäre die Führung von 12jährigen durch ein Legehennengehege. Allerdings nur deshalb, weil man in dem Alter eben nicht adäquat drauf reagieren kann. Wenn man sich an dem Schlachten von Tieren stört, ist das relativ leicht: Kein Fleisch mehr essen. Das machen ja durchaus einige Kinder, wenn sie erfahren, wo das Fleisch herkommt - auf welchem Wege auch immer. In der Regel fangen sie dann aber auch irgendwann wieder damit an.

eigenart hat gesagt…

Absolut richtig. Ich wollte nur nicht so ein großes Fass aufmachen.

Sonst müsste ich mich hier seitenlang darüber auslassen, wie ein unnatürlicher Bezug zur Natur (vielleicht auch einfach nur zur Realität?) zu unsinniger Ernährung führt.

Wer denkt, dass z.B. Fisch einfach ein gigantischer panierter Tiefkühlquader sei, aus dem man kleine Stückchen aussägt und in Kartons in Supermärkte schickt, wird sich mit dem Thema Überfischung wohl kaum auseinandersetzen.

Den Ansatz halte ich daher für absolut richtig. Über die Form lässt sich streiten. Wenn die Erfahrung der Kinder dazu führt, dass sie z.B. kein Fleisch mehr essen: schön. Wer weiterhin Fleisch isst, wird das sehr wahrscheinlich bewusster tun.

Habe, wie Sie, ebenso meine Schlachterlebnisse als Kind gehabt. Das Interessante daran ist allerdings, dass mich das Schlachten an sich (d.h. die Eindrücke: Blut, Innereien und deren Inhalte) weit weniger geprägt haben, als man annehmen sollte. Rein vom visuellen Eindruck, meine ich. Was hängengeblieben ist, ist etwas ganz Anderes. Etwas, das mich heute davon abhält, in Folie eingeschweißtes Fleisch zu kaufen.

ramses101 hat gesagt…

Bei mir hat sich das die Waage gehalten. Ich hab zwar durchaus noch in Erinnerung, wie die Borsten mit kochendem Wasser abgescharbt wurden und das Schwein wirklich Stück für Stück zerlegt wurde.

Aber ich habe ebenso in Erinnerung, wie das Blut langsam mal (eher schnell) zu Wurst gemacht werden musste. Und so Zeug. Ich will mich da nicht festlegen, aber ich bin mir einigermaßen sicher, dass viele Leute denken, der Name Blutwurst läge nur an der Farbe.

Auch wenn sich das jetzt esoterisch bis gutmenschlich anhört, was aber ja nix schlechtmenschliches sein muss: Zu sehen, wie das Tier stirbt, bevor man es isst, ist eine Form von Respekt vor ihm.

Trotzdem würde ich nie wieder Froschschenkel essen (obwohl die lecker sind). Ich habe zwar nie gesehen, wie die ausgerissen wurden, aber das Wissen hat mir dann (im Nachhinein) gereicht.

Genauso wie es mir reicht, zu wissen, dass ich einen Hummer eben nicht lebendig in kochendes Wasser schmeißen muss, sondern dass es reicht, ihn 20 Minuten in den Tiefkühler zu legen und ihm kurz vorm Kochen das Messer zwischen die Augen zu rammen.

Joshuatree hat gesagt…

Eine Auster zu essen bedeutet, ein (nach dem Öffnen) noch fast lebendes Tier zu verspeisen. Lecker, diese Austern! Und sie vermehren sich auch noch so hermaphoditisch geschickt - crisis? no crisis.

ramses101 hat gesagt…

Wobei Austern grundsätzlich überschätzt werden. Ich habe nichts einzuwenden gegen einen Schluck Meerwasser mit Lebendinhalt, aber mit Käse und Spinat überbacken gewinnt er schon a wengerl.

Es gibt eigentlich nur eine Küche, der ich mich konsequent verweigere und das ist die traditionelle chinesische. Da ist mir einfach Glibber und Resteverwertung zu dominant.

Joshuatree hat gesagt…

Lieber Ramses,

nach dem Öffnen einer Auster das erste Wasser sofort weggießen. Dann die Auster von der Schale trennen und einige Minuten warten. Das schmeckt dann gar nicht mehr nach Meerwasser, sondern viel feiner - und wenn - dann können Sie sicher sein, dass eine Auster weitaus weniger Schadstoffe verträgt, als der Mensch. Eine Auster lagert auch keine Schadstoffe ab - sie stirbt durch Öffnung. Momentan wirkt übrigens ein übler Virus bei den zweijährigen Austern an der Atlantikküste, der die Versorgung im Winter dieses Jahres zu einem Problem macht ...

Die Auster, werter Ramses, enthält eine Menge Zink. Dieses Mineral ist notwendig, um beim Mann Spermien produzieren zu lassen - das ist tatsächlich alles an aphrodisierenden Eigenschaften, da stimme ich Ihnen zu.

Paella und Pizza sind auch nur klassische Resteverwertungsessen - wie das Schlachtfest mit Wurstsuppe in Nordbaden ;-)

Ich gehe selten zum Chinesen; welche Glibberwarnung würden Sie hier abgeben?

ramses101 hat gesagt…

Ich hab ja auch nie bezweifelt, dass Austern gesund sind. Fand sie nur bisher eher unspannend. Aber Ihre Tipps werde ich gerne mal beherzigen und gebe ihr noch eine Chance.

Resteverwertung: Touché. Im Prinzip ist ja auch selbst der leckerste Risotto reine Resteverwertung. Muss tatsächlich nichts über die Qualität aussagen.

Was Sie an chinesischer Küche in Deurschland finden, hat in der Regel nicht so viel mit dem zu tun, was Chinesen sonst so kochen. Es mag durchaus noch hier und da einen geben, der tatsächlich original kocht, aber der in Hamburg, bei dem ich es mal probiert habe, hat inzwischen dicht gemacht.

Wahrscheinlich bin ich da auch wieder viel zu streng, aber es ist halt nicht meins. Was genau ich da gegessen habe, weiß ich auch nicht mehr.

Joshuatree hat gesagt…

Lieber Ramses,

wir haben vor einigen Tagen das Buffet bei einem Chinesen versucht. Meine Tochter mit dem vererbten Meeresfrüchte-Gen fiel über die wenigen vorhanden Shrimps her; ich genoss verschiedene Suppen - alle labten sich am Duftreis (das war kein indischer Basmati). Womit ich meine Wissenslücken gegenüber Reisarten offenbarte.

btw: In einer klassischen Paella finden sich Fleischreste von Hühnern und Kaninchen - aber keine Meeresfrüchte. Das kam erst später.

Joshuatree hat gesagt…

Nachtrag, ohne abzuschweifen: Ich halte die Meeresabfischung in jetziger Form für pervers.

ramses101 hat gesagt…

Rezepte sind selten klassisch, sondern immer Momentaufnahmen einer Entwicklung. Siehe Panzanella (1000 Rezepte) oder sonstige regionale Geschichten. Es sei denn, die Sache ist klar, wie bei der Sachertorte. Und selbst da ist die Sache nicht klar. Siehe Torberg.