Montag, Juni 11, 2007

Exkurs: Dieses Harburg-Dingens.

Wer Nachhilfeunterricht im Lokalpatriotismus braucht, der muss nach Hamburg kommen. Und wer glaubt, er könne mit dem Lokalpatriotismus so seine Small-Talk-Party-Späßchen machen, der irrt gewaltig. In Hamburg ist das alles todernst und nicht ganz unkompliziert. Schanzenviertel und Karoviertel scheinen bei einem flüchtigen Blick auf den Stadtplan eine Einheit zu bilden, in Wahrheit könnte die Stutenbissigkeit größer nicht sein, es sei denn es kommt der Kiez ins Spiel, dann outen sich auch lebenslange Karoliner, also durchaus St. Paulianer als stramme Schanzengänger.

Wer in Ottensen wohnt, der wohnt so lange in Ottensen, bis es zum Klassiker unter den Grundsatzdiskussionen kommt: Altona oder Eimsbüttel. Dann ist er plötzlich Altonaer und darauf stolz wie sonstwas. Denn genau wie dem Eimsbüttler ist ihm klar: Sein Bezirk oder keiner.

Mit der eimsbüttler Einigkeit ist es, man ahnt es schon, so furchtbar weit allerdings auch nicht her, scheitert sie doch schon an der für Außenstehende vermutlich latent skurril anmutenden Frage: Eimsbüttel oder Hoheluft-West? Aber auch da ist man letztlich doch wieder beisammen: Beides besser als Hoheluft-Ost, denn das zählt zu Eppendorf.

Nur in einem Punkt sind sich alle einig: Harburg geht gar nicht.

Und das kam so: Im Jahre des Herrn 1567 präsentierte der Hamburger Rat dem Reichskammergericht eine Elbkarte, von Melchior Lorich angefertigt in bis dahin unbekannter Detailtreue. Diese Elbkarte war das wichtigste „Beweismittel“ im Streit zwischen Hamburg und Harburg um das Stapelrecht, das anno dazumal über wirtschaftlichen Auf- oder Abstieg entschied. Diese Karte hat gezeigt, dass Hamburg der elbtechnisch bessere Standort ist, das Stapelrecht ging an Hamburg, der Rest ist Geschichte.

Wer jetzt glaubt, dass sich die Wogen 440 Jahre später etwas geglättet hätten, der kennt den Harburger nicht. Der Harburger an sich ist grummelig, nachtragend und uneinsichtig. Das selbstentlarvendste Argument der Harburger für ihren Stadtteil ist das Argument der (ohnehin nur gefühlten) Zentralität, das ausgerechnet an der geografischen Nähe zum Hauptbahnhof festgemacht wird. Wer den Bahnhof, also die Tür zur Flucht, als zentralen Kern seines Daseins begreift, sagt damit viel über sich aus.

Am liebsten wäre dem Harburger deshalb auch, er bliebe unter seinesgleichen:



Ein Tipp an die Wählergemeinschaft Harburg: Wenn Ihr im gesamten Stadtgebiet werbt und antretet, habt Ihr gute Chancen.

Now playing: Neil Young – Down by the river

Kommentare:

German Psycho hat gesagt…

Köstlich, werter Ramses, wirklich köstlich. Nun bin ich ja gebürtiger Hamburger und lebe auch seit über sieben Jahren wieder in „meiner” Stadt, aber von den meisten der von Ihnen so schön skizzierten Fehden hatte ich bis dato keine Ahnung.

Als Ottensener dachte ich ja immer, ich gehöre zu dem Stadteil, der sich aus Streitigkeiten heraushält. Und sowohl auffe Schanze als auch zur Reeperbahn geht. Und Alster und Elbe gleichermaßen mag. Und nun höre ich, ich dürfe entweder Altona oder Eimsbüttel nicht mögen. Aber danke - ich werde selbstverständlich sofort mein Hirn auf den neuesten Stand bringen.

Ich mag übrigens Bergedorf nicht.

ramses101 hat gesagt…

Zugegeben, hier und da habe ich vielleicht etwas übertrieben. Und ich kenne sogar Harburger, die nicht grummelig sind. Und natürlich darf man als Eimsbüttler auch Altona mögen (und umgekehrt). Nur eben nicht hinziehen. ;-)

kein einzelfall hat gesagt…

Der unbedarfte Aussenstehende hat es gut. Für den is Hamburch das midde Hafenrundfahrt und Harbuch das midde Psychiatrie.

Kiki hat gesagt…

Als Quiddje sollte man natürlich solchen Befindlichkeiten grundsätzlich etwas aufgeschlossener gegenübertreten, aber nach 30 als Elblette im Hamburger Westen verbrachten Jahren (20 Nienstedten + 10 Ottensen) ist für mich nach wie vor alles östlich des Altonaer Rathaus ein Fall für hic dracones Schilder. Eineinhalb Jahre im Winterhuder Exil haben mein Heimweh nicht abklingen lassen. Sich gegen die Uhlenhorster und Alsterdorfer abzugrenzen fällt relativ leicht; das Verhältnis der Winterhuder zu ihren Barmbeker Nachbarn ist ähnlich ge- oder entspannt wie das von Ottensenern (auf der Elbseite) zu Altonaern, aber eins ist mal klar: Harburg geht gar nicht!

ramses101 hat gesagt…

@Kein Einzelfall: Außenstehende sollten sich auch zunächst einmal mit unkomplizierteren Städten beschäftigen. Bagdad zum Beispiel. Grüne Zone gut, rote Zone schlecht. (Wobei, auch da ...)

@Kiki: Erst als Quiddje nimmt man das überhaupt erst richtig wahr (wie mir nach einem Gespräch mit Herrn Psycho bewusst wurde). Als Original-Elblette ist das wohl alles völlig normal.

Der Winterhude-Barmbek-Konflikt ist mir natürlich auch bekannt, aber ich wollte nicht zu sehr in die Tiefe gehen.

Lou_Ford hat gesagt…

Das mit Eimsbüttel und Hoheluft-West ist sehr treffend beschrieben ... Danke .. und nicht nur dafür ;-)

Aber mittlerweile bieten Makler Wohnungen in Lokstedt (ehemals Hamburg 54) als „Eimsbüttel zentral“ an ... wo das noch hinführen wird .. tz tz tz

ramses101 hat gesagt…

Und halb Barmbek wird einem als Winterhude verkauft. Geht alles den Bach runter.