Donnerstag, Januar 18, 2007

Brief an die Hamburger Leserbriefeschreiber.

„Der Markt regelt das schon von selbst.“ Das mag im Prinzip richtig sein, im Falle der rauchfreien Gastrobetriebe glaube ich nicht daran. Und zwar schon deshalb, weil die meisten Wirte und Restaurant-Betreiber die Auseinandersetzung mit der kleinen aber lauten Minderheit der Raucher scheuen. Trotzdem gibt es die rauchfreie Gastronomie natürlich und in Berlin fängt sie auch an zu trommeln. Am 26. Januar beim ersten Culinaryday im Pastakontor.

In Hamburg scheint es aber eh zu kommen, das Rauchverbot in Restaurants, Bars etc. Das wäre schön. Allerdings kann das ganze natürlich auch noch kippen, denn das Geschrei der Raucher beschränkt sich ja leider nicht auf die Leserbriefseite der Morgenpost.

Und was sind das für Briefe. Einer blöder als der andere. Liebe Leserbriefschreiber, schlagt bitte folgende Begriffe im Wörterbuch nach: Militant, hysterisch, fanatisch.

Und dann überlegt Ihr Euch, ob Ihr einen Leserbrief hinbekommt, in dem Ihr auf diese Begriffe verzichtet. Hysterisch ist nämlich zurzeit eigentlich nur die kleine Gemeinschaft der rauchenden Schreihälse, die lieber noch lauter schreien würde, wenn der Hals nicht so unangenehm kratzen würde. Militant muss ich nicht erklären und fanatisch – wer von uns versucht denn fanatisch sein Terrain zu verteidigen? Aber herzlichen Dank für das hübsche Wort „Gesundheitsfanatiker“.

Wollen wir uns nach der Klärung der Begriffe vielleicht mal kurz Eure „Argumente“ für das Recht auf Rauch anschauen? Keine Angst, das ist schnell erledigt: Es gibt nämlich nicht ein einziges.

Das was Ihr mit „Argumenten“ verwechselt, sind Vergleiche. Meist ziemlich dämliche, muss ich leider dazu sagen. “Da kann man ja auch gleich den Alkohol in der Kneipe verbieten. Der schadet auch!“ schlussfolgert Ihr beispielsweise messerscharf und vermeintlich entwaffnend. Und mich wundert immer wieder aufs Neue, dass sogar intelligente Menschen sich nicht zu blöd sind, sich durch dieses Null-Argument lächerlich zu machen. Für den Merkzettel: Was mir selbst schadet, ist meine Sache, was auch anderen schadet, ist auch deren Sache. Angekommen?

Gut. Dann weiter. Die Vernünftigeren unter Euch plädieren auf Freiwilligkeit und rücksichtsvolle Eigenverantwortung. Würde das klappen, bräuchten wir in der Tat kein Gesetz. Es klappt aber nicht. Geraucht wird überall, wo es nicht verboten ist. Das ist einfach so.

“Der Staat muss ja nicht immer alles reglementieren und kontrollieren“ und „Das ist der Tod der Gastronomie“ sind dann die Zwischenrufe aus der liberalen Ecke. Bei Punkt eins sind wir einer Meinung. Ich möchte nur hinzufügen, dass der Staat die Schädigung seiner Bürger durch andere Bürger schon ein bisschen reglementieren sollte.

Zu Punkt zwei: Das verblüfft mich ehrlich gesagt am meisten. Gehen Raucher nicht mehr essen, wenn man sie daran hindert, andere Leute zu belästigen, die am Nebentisch einen anderen Essrhythmus haben? Wenn ja, wäre das zwar auch ein Gewinn, aber noch lange kein Todesstoß. Hier hilft übrigens der Blick nach Irland und Italien. Sieht so eine darbende Branche aus? Nein, liebe Raucher, um die Gastronomie zu Grabe zu tragen, seid Ihr dann doch zu wenig.

Now playing: Dreadful Shadows - Smoke

Kommentare:

eigenart hat gesagt…

"Allerdings kann das ganze natürlich auch noch kippen"

Sehr schön: Ich glaube sogar, dass Sie in diesem Zusammenhang kippen auch mal groß schreiben dürfen.

Als Songtitel empfehle ich "Smoke on the water" - als Befehl, quasi...

ramses101 hat gesagt…

Ich hab wirklich überlegt, ein "No pun intended" in Klammern dahinter zu setzen. Aber das hätte mir ja eh wieder keiner geglaubt.

Anonym hat gesagt…

Wenns darum geht ob Raucher mal kurz ihren Hintern – für 1,2x pro Stunde - hochkriegen sollen, damit anderer Freiheit und Gesundheit erhalten bleibt, wird man natürlich gleich aggressiv.

Und natürlich reicht der Raucher immer dann, wenn er es kann. Fährt die U-Bahn 10min stürzt er sich danach sofort auf die Zigarette, das gleiche bei 20min, nach 90 min im Kino, und ganz genau das gleiche wäre auch in Lokalen der Fall, es würde einfach weniger und nachher geraucht.

Interessant ist auch das die, die ein Rauchverbot letztlich nötig machen, die gleichen sind, die sich darüber beschweren. Mit Toleranz, Einhalten der freiwilligen Vereinbarungen etc. bräuchten wir nämlich gar kein Verbot, da es nicht anders geht, braucht man ein Gesetz.

Und wenn man sieht das selbst Angestellte oder Köche in Lokalen qualmen – oder aber Raucher die dort ihre Pausen machen aber nichts konsumieren – merkt man erstmal wie scheinheilig die Diskussion ist, und das es den Rauchern lediglich um eine Ideologie, und garnichts um Rauchen oder Umsätze geht.

Typisch deutsch halt.

Bei dem Rauchverbot geht es meiner Meinung nach lediglich um die Rückgabe der Eigenverantwortung: derzeit entscheiden Raucher über andere, mit dem Rauchverbot können Raucher jederzeit entscheiden ob sie rauchen möchten, und Nichtraucher können auch jederzeit frei entscheiden ob sie mitrauchen möchten oder nicht. Liberaler gehts nicht. Und zum Argument das niemand in Lokale gehen müsste, zwei Antworten:

1. Barkeeper, Servicekräfte & Co müssen dort arbeiten
2. kein Raucher wird gezwungen in einer Kneipe zu rauchen, wem das Rauchverbot und die damit einhergehende Rauchfreiheit nicht passt, der soll schlicht und einfach zu Hause bleiben und sich nicht darüber echauffieren, schließlich sind Kneipen ja nicht privat (Pub kommt von public).

Rainfall hat gesagt…

rassi, hast du aufgehört zu rauchen?
ich mein, ich wusste das ja.. aber so viel einsicht... chapeau

samoafex hat gesagt…

Bei uns stehen die Rauchzeichen ja auch auf Sturm (mein Gott, entschuldigung, aber es hat mich so gereizt...) - und die Raucher hier argumentieren ähnlich wie Ihre da in Hamburg.

Ich muss zugeben: Als vom allgemeinen Rauchverbot zum ersten Mal die Rede war, ist mir kurz flau geworden - typische Suchtreaktion. Aber dann fand ich den Gedanken gut, weil ich eh weniger rauchen will, und wenn mir solche Umstände dann dabei helfen...

Jetzt wiegelt unsere neue Gesundheitsministerin, die selbst raucht, das Ganze plötzlich ab, von wegen "totales Rauchverbot sei übertrieben", sie will eher "was Partielles" einführen.

Aha.

Dabei habe ich mich schon fast gefreut aufs Rauchverbot. Jetzt regt mich dieses Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Gefasel mindestens genauso auf wie damals, als New York rauchfrei wurde. Da habe ich auch noch was von Beschneidung der Freiheit gefaselt. Bis ich mich wieder zurück erinnert habe an meine Zeit als Nichtraucher, die es ja durchaus gab. Wie unangenehm das immer war, man aber tapfer weiter geatmet hat. Wie viele Sorgen man sich um seine Eltern gemacht hat, weil die sich da freiwillig krank machen.

Ich bin jedenfalls eindeutig dafür, dass in Restaurants nicht geraucht werden darf. Von mir aus kann man einen Rauchsalon einrichten, wenn es denn sein muss. Und - ich glaube kaum, dass ich das heute hinschreibe - auch in Pubs und Clubs hätte ich nichts gegen klare Sichtverhältnisse.

Und zum Abschluss dieses kurzen Kommentars: Übervorteilt wurden die Nichtraucher bisher nämlich auch in ganz anderen Bereichen. Einer meiner Professoren hat einmal eine Studie an der Wiener UNO-City gemacht, in der nur in ganz bestimmten Räumen geraucht werden darf. Dort haben sich die Obersten mit den Untersten getroffen, vom Diplomat bis zum Boten. Mein Professor stellte fest: Wer raucht, ist als UNO-Angestellter besser informiert, weil er mit Leuten zusammentrifft und kommuniziert, die er sonst nie kennengelernt hätte.

Die armen Nichtraucher ;) Das muss aufhören!

ramses101 hat gesagt…

@anonym: derzeit entscheiden Raucher über andere Exakt das ist der Punkt. Ich hab mich vor kurzem auch mit einem Pärchen angelegt, das im Waschcenter (!) rauchen wollte, als ich meine Wäsche aus dem Trockner geholt habe. Argument: „Aber das ist hier nicht verboten.“ So viel zu Freiwilligkeit und Rücksicht. Ich hab es ihnen aber, öhm, „ausreden“ können :-)

@rainfall: Und das macht mich in der Raucherpsychologie zu „einem der Schlimmsten“. Womit ich natürlich wunderbar leben kann.

@Samoafex: Und wenn alle Raucher so denken würden, bräuchten wir in der Tat kein Verbot.

German Psycho hat gesagt…

Lieber Ramses,

der Punkt mit dem Alkohol ist gar nicht so abwegig.

Doch bitte folgen Sie mir zunächst gedanklich in das Hirn eines überzeugten Abstinenzlers. Sagen wir, es handelt sich dabei um jemanden, der früher viel getrunken hat, nun aber erkannt hat, daß das Trinken nichts bringt.

Er ist also wirklich überzeugt davon, daß Alkohol nichts Positives an sich hat. Und er weiß auch, daß jeder, der keinen Alkohol trinkt, dadurch ein besseres Leben lebt. Spaß als Argument läßt er nicht gelten (denn Spaß darf niemals höher gewichtet werden als das Leben anderer Menschen).

Dieser Mensch wird also keinen Grund sehen, Alkohol zu schützen. Er wird aber sehr wohl argumentieren, daß Alkohol dafür verantwortlich ist, daß Tausende von Menschen sterben (Autounfälle durch besoffene Fahrer, Prügeleien, Messerstechereien durch Suff) - und ein einziger Toter durch Alkohol ist ja schon zuviel.

Also würde er sich dafür aussprechen, auch ein Alkoholverbot in Kneipen auszusprechen, denn auch mit Fruchtsäften kann Spaß haben ("ein klarer Kopf ist die beste Droge").

Die Argumentation ist also durchaus nicht abwegig - die Frage ist eben, ob man es dem Staat überlassen möchte, jedes Risiko durch Gesetze zu unterbinden.

Oder ob der Markt es nicht doch regeln könnte - wo sind denn die Nichtraucherbars? Liegt es daran, daß es keine Nichtraucerwirte gibt?

Ich finde es eigentlich unglaublich, daß ein Kneipenwirt gezwungen sein sollte, ein Rauchverbot in seinem (!) Lokal durchzusetzen, wenn er es nicht möchte.

In Restaurants scheint sich ja auch langsam (zumindest in den besseren) ein vom Wirt ausgesprochenes Verbot durchzusetzen. In HH jedenfalls gibt es dafür einige Beispiele.

Gegen so ein Rauchverbot hab ich auch nichts. Es sollte eben nur vom Besitzer kommen, nicht vom Staat.

German Psycho hat gesagt…

P.S.

Die Diskussion über "Killerspiele" ist im Prinzip auch die gleiche. Wenn es denn nun anderen schadet, sollte man das doch dann verbieten...

Etwas nicht zu mögen, ja abzulehnen, ist etwas anderes, als ein staatliches Verbot zu fordern, finde ich.

ramses101 hat gesagt…

Werter Herr Psycho, der Vergleich bleibt abwegig. Dass es einen nicht unerheblichen Schaden durch Volltrunkene Menschen gibt, möchte ich gar nicht abstreiten. Nur ist es deshalb ja auch, Achtung, verboten, besoffen Auto zu fahren.

Warum Trunkenheit in allen anderen Fällen strafmindernd wirkt, bleibt mir ein Rätsel.

Aber zurück in die Kneipe: Wenn 20 Leute je einen Korn getrunken haben, nur ich nicht, dann haben 20 Leute je einen Korn getrunken, nur ich nicht.

Wenn 20 Leute je eine Zigarette geraucht haben, nur ich nicht, dann haben 21 Leute was von 20 Zigaretten. Darum geht es. Und dass Freiwilligkeit bei den Rauchern selbst nichts bringt, sollte eigentlich mein (nicht erfundenes) Waschcenter-Beispiel illustrieren.

Übrigens begrüßt mittlerweile auch der bayerische Gaststellenverband eine staatliche Intervention, eben um den armen Wirten die Bürde zu nehmen, mit jedem Raucher das Verbot ausdiskutieren zu müssen.

Und wenn Killerspiele Kinder tatsächlich zu Killern machen würden, müsste man sie in der Tat verbieten. Ein Ballerspiel macht aber aus niemandem einen Amokläufer. Auch wenn das die Becksteins dieser Welt gerne hätten.

Übrigens geht es mir bei der Debatte gar nicht darum, das Rauchen nicht zu mögen. Wenn es nur der Gestank wäre, würde ich doch gar nichts sagen. Mit anderer Leute Schweißgeruch komm ich ja auch klar.

Aber es geht eben nicht nur um olfaktorisches, sondern auch um so unangenehme Dinge wie Polonium, Feinstaub und was nicht alles. Alles verboten, völlig zu Recht, nur in der Kneipe soll ich mich fügen müssen? Ich bitte Sie!

German Psycho hat gesagt…

Es ist nicht ganz so abwegig. Denn der Abstinenzler würde nun argumentieren, daß ja diese Gesetze offensichtlich nicht helfen und Jahr für Jahr viele Tote und Verletzte - wie gesagt, nicht nur im Straßenverkehr, auch durch erhöhtes Gewaltpotential bei Alkoholisierten - aufgrund von Alkohol entstünden. Nur durch ein öffentliches Ausschankverbot könnte dies effektiv verhindert werden. Er würde Ihnen vermutlich sogar vorwerfen, naiv zu sein, da ja jeder Mensch sehen könne, daß wirkungsvollere Gesetze her müßten.

Aber es geht ja auch um etwas anderes: Wenn ich zuhause rauche, werden Sie vermutlich nichts dagegen haben, oder? Und was ist, wenn ich eine Party veranstalte? Muß ich dann ebenfalls gezwungen werden, meine Wohnung rauchfrei zu halten? Soll der Staat soweit in meine Privatsphäre eingreifen dürfen?

Steht es Ihnen denn nicht frei, sich eine wenig verräucherte Kneipe zu suchen? Es gibt sogar auf der Reeperbahn ziemlich unterschiedlich verrauchte Kneipen und Diskos - in manchen verteilt sich der Rauch durch die hohen Decken und guten Lüftungen so gut, daß die einzelnen Giftstoffe wohl kaum über die dafür vorgesehenen Grenzwerte kommen.

Einwurf: Warum kann man nicht anhand dieser Greenzwerte, die für jeden einzelnen Giftstoff, der in einer Zigarette ist, existieren, auch für Zigaretten anwenden?

Egal. Jedenfalls steht es nicht nur dem Wirt frei, seine Kneipe als Raucher- oder Nichtraucherkneipe zu führen, sondern auch Ihnen als Gast, stark verrauchte Kneipen zu meiden.

ramses101 hat gesagt…

Denn der Abstinenzler würde nun argumentieren, daß ja diese Gesetze offensichtlich nicht helfen und Jahr für Jahr viele Tote und Verletzte - wie gesagt, nicht nur im Straßenverkehr, auch durch erhöhtes Gewaltpotential bei Alkoholisierten - aufgrund von Alkohol entstünden.

Entschuldigung, aber ich bin doch der Abstinezler, von dem Sie da im übertragenen Sinne konjunktivieren. Und ich würde nicht nur nicht so argumentieren, ich tue es tatsächlich nicht. Das Argument, was in diesem Fall heraufzöge, wäre vielleicht eine konsequentere Durchsetzung der bestehenden Einschränkungen. Aber das Blitzen und Kontrollieren nach Weihnachtsfeiern empfinden ja immer noch viele Erwischte als "Abzocke". Aber das ist ein anderes Thema ;-)

Muß ich dann ebenfalls gezwungen werden, meine Wohnung rauchfrei zu halten?

Um Gottes Willen. Auf Partys in Ihren eigenen vier Wänden kann Ihnen keiner was.

Aber Kneipen sind was anderes. Genau so wie Kinos, Waschcenter, U-Bahnen undundund. Es lässt sich leider nicht überprüfen, aber ich wäre bereit, meine Plattensammlung (auch die guten Stücke) zu verwetten, dass, wenn in den letzteren Einrichtungen das Rauchen erlaubt wäre, auch geraucht würde.

Und dem Wirt würde der Staat eine Riesenlast von den Schultern nehmen :-)