Freitag, Dezember 01, 2006

Wo ist die EU wenn man sie mal braucht?

Unsere Lieblingskoalition beschließt also ein Rauchverbot das seinen Namen nicht verdient und ist sich nicht zu blöd, das Ganze auch noch „Kompromiss“ zu schimpfen.

Kompromiss? „Hm, ja, nun, Gesundheit ist schon wichtig, einerseits. Vergiftung aber andererseits auch. Was machen wir da? Ach, wir erlauben einfach beides, nur nicht überall

Jetzt kommen natürlich wieder die ganzen Vollidioten aus ihren Löchern gekrochen, die mir was erzählen wollen von Umsatzeinbußen, Steuerausfällen, Kneipenkultur (!) und deutschem Verbotswahn. Euch sei gesagt: Husch, husch, zurück in Eure Löcher. Oder besser noch: Husch, husch, ab nach Irland. Schaut Euch da ruhig mal das prognostizierte Pub-Sterben an. Fällt Euch was auf?

Und wo wir gerade dabei sind. Wie viele L&M-Zigaretten muss man eigentlich rauchen, um auf so ein Layout zu kommen?



Dieses „Our Taste Our World“ Bla-Bla-Gequatsche geht mir auch so was von auf den Zeiger, das mag man sich gar nicht vorstellen. Und ich meine damit nicht einmal die Wahl der Sprache, sondern die Bla-Bla-Aussage. Wer auch immer den Drang verspürt, Dinge aufzuschreiben wie „Die ganze Welt der Innovation“, „Mehr als nur xy“ undsoweiterundsofort, der muss dieses Buch lesen, und schon ist er geheilt:



„Fliegen soll er wie ein Drache“ von Karlhans Frank ist ein Märchenbuch. Und zwar ein großartiges:
„Dies ist die Geschichte von Katjas gefährlicher Reise ins Sprachland. Wie konnte es geschehen, daß König Sinn an den Felsen Un geschmiedet wurde? Die bösen Sprachgeister haben den Blödel zum Putsch überredet, und Prinzessin Fantasie verlor all ihre Schönheit. In Sprachfetzen gekleidet irrt sie durch die Wüste. Jetzt herrschen Wortklauber und Silbensieder, die Maulhelden und Satzdiebe, die Wörterwechsler, Schlagzeigenhersteller und Nichtssager. Das Sprachland und seine Bewohner sind in großer Not. Wer kann König Sinn befreien? Denn: Fliegen soll er wie ein Drache.“
Risiken und Nebenwirkungen: Nach der Lektüre neigt man dazu, es ein wenig zu übertreiben. Aber das bekommt man schnell in den Griff.

Gestolpert bin ich über das Buch übrigens hier in den Kommentaren. Deshalb: Immer schön auf Buchempfehlungen achten. So hat sie mich auch auf Friedrich Torbergs „Die Tante Jolesch oder der Untergang des Abendlands in Anekdoten“ gebracht. Lesebefehl versteht sich von selbst, wer dazu zu faul ist, kauft sich halt das großartige Hörbuch.

Now playing: Wir sind Helden - Nur ein Wort

Notiz an selbst und Nachtrag zu „Fliegen soll er ...“: Wenn der Ursprungstippgeber selbst ein Blog betreibt, soll er natürlich auch seinen Link bekommen.

Kommentare:

samoafex hat gesagt…

Du bist ja sehr postfreudig heute...

ramses101 hat gesagt…

Es heißt ja auch nicht umsonst "One posting a day keeps the doctor away".

German Psycho hat gesagt…

Ich persönlich finde ja, daß man keinen Staat braucht, der einem sagt, was man tun soll. Nichtraucherschutz wäre viel einfacher zu haben, wenn jedes Lokal sich nach Marktlage entscheiden könnte, ob es gerne das Rauchen erlauben möchte oder nicht. Und es gibt ja schon viele Beispiele von Nichtraucherrestaurants. Die sich damit eben einen Wettbewerbsvorteil verschaffen können.

Aber gleich wieder die staatliche Kontrolle? Herzlichen Dank.

Hinzu kommt, daß man Raucher damit zum Nichtdenken erzieht. Man entzieht Entscheidungsfreiraum. Und somit wird jeder Raucher sich denken, daß er stets dort rauchen darf, wo es nicht verboten ist. Anstatt sich zu überlegen, ob es angebracht ist.

ramses101 hat gesagt…

Ein Verbot ist ja nicht gleichzusetzen mit Kontrolle. Grundsätzlich gäbe ich Ihnen ja Recht. Nur ist das Rauchen in Deutschland komischerweise ein Sonderfall. Wo das Rauchen erlaubt ist, wird geraucht, die Nichtraucher ertragen es (immer seltener) schweigend. Wo das Rauchen verboten wird, da schimpfen die Raucher, als würde hier eine fundamentale Freiheit beschnitten - deshalb würde sich ein optionales Rauchverbot hier nie durchsetzen, denn jeder Wirt würde eben diese vermutlich sehr hitzige Debatte scheuen. Also bleibt nur ein Verbot. Über den Staat schimpfen sie eh alle ;-)

German Psycho hat gesagt…

Wie gesagt, ich glaube das nicht. Denn ich kenne in Hamburg einige Restaurants, die explizit Nichtraucherlokale sind. Fit for fun, logischerweise. Cha Cha. Das sind die beiden, die sich mir aufdrängen.

Es wäre wünschenswert, wenn jeder Gastwirt gezwungen wäre, diese Entscheidung zu treffen. Bspw. durch vorgeschriebene Schilder („Raucherlokal“ und „Nichtraucherlokal“) direkt über der Eingangstür. Dann kann sich der Markt entscheiden.

Und ich sage Ihnen auch: Die Menschen werden nicht höflicher, wenn man sie einengt. Ich erinnere mich noch gut an eine Zeit, als die Frage „stört es Sie, wenn ich hier rauche?“ ernst gemeint war. Heute höre ich die Frage schon gar nicht mehr.

Kontrolle und Zwang nimmt Verantwortungsbewußtsein. Das ist ja immer wieder meine These (zu anderen Themen haben Sie der sogar mal zugestimmt)... achja.. Sie sollten mal wieder donnerstags... Sie wissen schon...persönlich ausdiskutieren... Bier trinken.

ramses101 hat gesagt…

Ich gebe Ihnen ja im Prinzip Recht. Nur denke ich, dass das Rauchen eine Ausnahmesituation ist. Denn wenn es ans Rauchen geht, setzt die Vernunft in der Regel aus. Was macht der Raucher, nachdem er einen Bericht über Lungenkrebs gesehen hat? Er steckt sich zur Beruhigung eine an.

Wenn es beim Rauchen nur um die Geruchsbelästigung ginge, sollte wirklich jeder selbst entscheiden und ein staatliches Stinkverbot hielte ich auch für etwas viel.

Es geht aber nun mal um Blausäure, Ammoniak und ähnlich unschöne Dinge, bei denen es völlig zu Recht untersagt ist, sie mir ins Glas zu kippen. Einen derartig tief gehenden Eingriff in die Gesundheit anderer Menschen darf man eben nicht dem Wirt überlassen, der im Zweifelsfall mit dem Helmut-Schmidt-Totschlagargument glaubt belegen zu können, es sei doch offensichtlich halb so wild.

Mit dem Bier haben Sie übrigens Recht. Ich versuch ja mein bestes.

German Psycho hat gesagt…

Gefährdung der Passivraucher? Vergleichbar mit Blausäure?

Deswegen bin ich auch für ein generelles Autoverbot. Schließlich darf man ja auch keine Atompilze im Garten züchten.

Was der Vergleich soll? Die Gefährdung der Passivraucher ist bisher nicht bewiesen, sondern wird nur vermutet. Um bei den Giftstoffen eine Gefährdungsgrenze zu erreichen, müßten zigtausende von Zigaretten geraucht werden.

Es geht also - und das ist in meinen Augen ein sehr vernünftiges Argument - um Geruchsbelästigung. Und hier verweise ich wiederum darauf, daß man auch Raucher zu Menschen mit Anstand „zurückerziehen“ kann.

ramses101 hat gesagt…

Mit dem Passivrauchen sind Sie schlicht nicht auf dem neuesten Stand - das hat ja selbst die Tabakindustrie eingesehen.

Außerdem "vergleiche" ich nichts mit Blausäure oder Ammoniak, ich habe nir lediglich zwei Plakative Giftstoffe des Rauchs als Beispiel herausgepickt.

Und was die "zigtausende" von Zigaretten angeht: Seit März bin ich clean und die Zahl der Zigarettten, die ich seitdem nicht geraucht habe, beträgt über 6000. Was also eine Tresenkraft in einem Jahr alles schlucken muss, kann man sich in etwa vorstellen.

Wenn es wirklich nur Geruchsbelästigung wäre, wäre ein Verbot ja auch in den anderen Ländern gar nicht durchsetzbar. Jeder Winkeladvokat zerreißt so ein Gesetz in der Luft. Ich war ja auch mal der Meinung, Zigarettenrauch röche gar nicht so schlecht und bin weiterhin der Meinung, dass bestimmter Pfeifentabak durchaus angenehm riecht. Giftig bleibt er trotzdem.

Monsieur Porneaux hat gesagt…

So schön die Tante Jolesch auch ist - Torberg war ein ziemlich unangenehmer Kerl, und was er mit dem "Gaulschreck im Rosennetz" des Fritz von Herzmanovsky-Orlando getrieben hat (er hat ihn - nach dem Tode H.-O.s - leicht "bearbeitet" herausgegeben), wird in Lubitschs "Sein oder Nichtsein" sehr hübsch von Sig Ruman in seiner Rolle als SS-Mann ("KZ-Ehrhardt") paraphrasiert: "Was dieser Schauspieler mit Hamlet gemacht hat, machen wir jetzt mit Polen."