Sonntag, Oktober 15, 2006

Dieser Beitrag kann keine Spuren von Erdnüssen enthalten

+++Achtung: Viel zu langer und unlustiger Beitrag! Nur bei nicht zu ertragender Langeweile oder Sentimentalität mit ausgeprägtem Hamburg-Bezug zum Lesen empfohlen!+++

Silly me! Auf der anderen Seite: Selber Schuld. Ich hätte damals Anfang der Neunziger wirklich die ganzen albernen Max-City-Guides aufbewahren sollen. Anschaulicher kann man das Sterben großstädtischer Institutionen nämlich nicht nachvollziehen.

Es gibt gab in Hamburg sehr viele Club- und Kneipen-Institutionen. Den „Star-Club“ kennt jeder, das „Onkel Pö“ nur noch die mit den grauen Haaren, deshalb kurz für den Rest: Im „Onkel Pö“ hat sich in den Siebzigern die Hamburger Szene um Abi Wallenstein, Udo Lindenberg, Otto Waalkes und Co KG zum Jazzen und Jammen versammelt, Der ganze Laden hatte schnell etwas legendäres, weshalb er nach seinem Tod auch umbenannt wurde: „Legendär“.

Das „Legendär“ stirbt jetzt wieder langsam vor sich hin. Umgezogen in den Eppendorfer Weg, was auch immer das soll. Legendär ist an der neuen Location Adresse jedenfalls nichts.

Ein schlauer Mensch hat im vorletzten Jubiläums-GEO über Hamburg gesagt, das Attraktive an der Stadt sei, dass kaum ein Bauwerk mehr als 200 Jahre auf der Uhr hätte. Was kein Wunder ist, wenn eine Stadt regelmäßig alle 100 Jahre dem Erdboden ähnlich gemacht wird.

Clubs und Bars und Kneipen würden lachen über derart biblische Alter! Wo ist denn das Trinity aus den Achtzigern, das Traxx aus den Neunzigern und das, nun ja, Madhouse aus dann doch drei Jahrzehnten? Die ersten beiden: Gestorben, Wie sich das gehört.

Letzteres: Selbstmord durch, Tusch!, Umzug. Und zwar ins Nebenhaus und mit gleicher Raumausstattung und allem, tot, trotz allem.

Was soll das ganze Gefasel? Am Freitag Abend mache ich die Tür der „Schramme“ auf. Die Schramme ist eine Eppendorfer Institution wie eben das „Legendär“ einst eine war, vielleicht sogar legendärer, weil sie es nie nötig hatte, ihren albernen Namen zu ändern. Wer freitags glaubt, in der „Schramme“ noch einen Tisch zu bekommen, der ist entweder neu in der Stadt oder Glückspilz.

Ich also rein und: Gähnende Leere. Neuer Besitzer? Schießt es einem durch den Kopf. Raubtierhafter Scannerblick in die Runde: Der Billardtisch ist neu. Neuer Besitzer? Die satten Farben und albernen Schilder dominieren jedenfalls immer noch das Gesamtbild:



Aber was um alles in der Welt ist denn hier passiert? Ein Pärchen sitzt am Tisch und knabbert Erdnussflips. Got you now, mate! Sherlock Holmes is in da house!

Wer einem Eppendorfer befiehlt, die Augen zu schließen, an die Schramme zu denken und zu sagen, was er sieht, erhält (kurz nachdem sich ein wehmütiges Lächeln zeigt) folgende Antwort: Erdnussschalen.

Überall. Auf den Tischen, auf dem Boden, an der Bar, überall Erdnussschalen, denn Erdnüsse wurden in der Schramme ebenso freizügig ausgegeben wie Sauerstoff und Leitungswasser. Das war jedenfalls einmal so, jetzt ist es anders. Der neue Betreiber (keine Ahnung ob das stimmt, aber ich will tot umfallen, wenn nicht) scheut offensichtlich Reinigungskosten oder Arbeit oder beides und hat sich gedacht: Erdnüsse, Erdnussflip, ist doch des Gleiche.

Ist es nicht.

R.I.P. War nett mit dir. Oder, um es mit den Worten des Meister zu sagen: Wenn etwas stirbt, stirbt es eben. Auch wenn es wehtut

Now playing: The Cure – Funural Party

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

War durchaus als Morgenlektüre geeignet, auch wenn mich weder Langeweile plagt noch die erwähnte Sentimentalität (war ich doch im Leben noch nicht in Hamburg).

Aber das Beschriebene kenne ich. Aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Da musste ich auch derartige Todesfälle miterleben.

Ich bekunde jedenfalls mein aufrichtiges Beileid.