Donnerstag, Februar 23, 2006

Rettet den Airbag - warum auch immer

Der Verein Deutsche Sprache e. V. ist eins meiner Lieblingsbeispiele für „schlecht gemeint, schlecht gemacht“. Ziel des Vereins ist der Erhalt der deutschen Sprache und der Kampf gegen Angli-, und sonstige Zismen à la wie „ich erinnere das nicht“, „in 2006“ und so weiter. So weit, so gut. Er kämpft natürlich auch gegen Scheinenglisch wie „Handy“ (Mobile Phone) und gegen falsch eingesetztes Englisch wie „Oldtimer“ (Vintage Cars). Von mir aus.

Albern wird der Kampf spätestens dann, wenn es gegen gebräuchliche Begriffe wie „E-Mail“ (E-Post) oder „Airbag“ (Prallsack) geht. Das ist jedenfalls meine Meinung, über die kann man streiten.

Jetzt begab sich aber folgendes: der VDS hatte eine Idee. Die Idee einer Wortpatenschaft. Man kann sich als Pate für sein deutsches Lieblingswort anmelden, zahlt 5 Euro und bekommt dafür die Wortpatenschaft. Abgesehen davon, dass ich es mehr als dreist finde, sich hinzustellen und allen Ernstes als Verwalter der deutschen Sprache aufzutreten und pro Wort auch noch Geld zu kassieren, ist die ganze Sache so inkonsequent wie nur was. Schon verwunderlich, bei den Schirmherren - da kommt natürlich der Verdacht auf, hier werden einfach mal zwei Namen instrumentalisiert. Macht schließlich mächtig was her:

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Hintergrund der Initiative:
Alle zwei Wochen stirbt eine von 6000 Sprachen weltweit. Auch in Deutschland veröden ganze Wortlandschaften. Mäßiges Englisch und krudes Denglisch überall. Erste Ursache: Die weltweite Amerikanisierung über Internet und Massenmedien. Zweite Ursache: Unsere Nachlässigkeit. Wir achten nicht genug auf die Sprache, die wir alltäglich sprechen; wir achten sie nicht. Der enge Zusammenhang zwischen Sprache, Geist und Kultur - auch Wirtschaft und Wohlstand - ist uns nicht bewußt [sic!]. Auf dieser Erkenntnis fußt die Idee der Wortpatenschaft: mit einem lachenden und einem weinenden Auge...
Dann mal los: Neben so urdeutschen Wörtern wie Backgammon, Badminton und Croissant kann man lustigerweise auch die Patenschaft für das so viel gescholtene Wort Airbag erstehen:

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Weiter hab ich die Pfui-Wortliste des VDS noch nicht durch, aber ich bin mir sicher, dass sich da noch das eine oder andere böse Wort in der Patenschaftliste finden lässt. Was soll also die ganze Aktion? Leeres Geschwätz? Ne schnelle Mark machen? Aber bei dem Kooperationspartner wundert mich natürlich gar nichts mehr.

Now playing: Depeche Mode - Fools

Kommentare:

annschn hat gesagt…

Also bei Prallsack hätte ich spontan an was anderes gedacht als an Airbags... :-O

eigenart hat gesagt…

Oh weh, mit diesem Verein hatte ich häufiger zu tun, als ich noch in der Neologismenabteilung des Instituts für deutsche Sprache (IDS) beschäftigt war. Jedes Jahr veröffentlichen die eine Liste mit Wortvorschlägen, die doch bitte berücksichtigt werden sollte und schickten diese an weitere "Wärter" der Sprache.

So auch ans IDS. Meist mit dem Wortlaut "Der Duden hat bereits kapituliert. Tun SIE doch wenigstens was!". Allerdings wartet man dort immer nur auf die neue Liste, um mal wieder ein spaßiges Gesprächsthema zu haben.

Ich selbst hasse Sprachpurismus, da er die natürliche Entwicklung der Sprache behindert. Natürlich kann man stundenlang über Anglizismen diskutieren...

... interessant finde ich allerdings, dass z.B. über 50% der Neologismen, die zwischen 1990 und 2000 ihren Weg in den deutschen Wortschatz gefunden haben tatsächlich deutsch sind.

Beispiele sind etwa: "im grünen Bereich" oder "Gelb-Rot-Sperre", "etw. in trockenen Tüchern haben" usw.
Die fallen schließlich nicht so auf, wie Fremdes.

Und häufig entwickeln sich einfach spontan deutsche Entsprechungen. Bestes Beispiel ist wohl der "Rechner". Hätten wir uns von einem gewissen Herrn Weißgerber vorgeben lassen, wie der Computer denn nun heißen soll, dass würden wir heute entweder am "Verdater" oder am "Horter" arbeiten. Kein Scherz!

Lenren hat gesagt…

Hello! Just stopping buy and saying hello. Again I wish I could read your blog! Take care. please come back to mine anytime! :)Amber

kein einzelfall hat gesagt…

Eine böse Zunge würde im Selbstgespräch zu sich sagen: "Soso, Schirmherren die Brüder Grimm? Das Duo vom 1000DM-Schein?
Das kann ja wohl nur heißen, dass uns Märchen erzählt werden, um Kohle abzuziehen."

Andererseits, bei Kreationen wie Demutualiserung möchte man so manches hilflos-bedrohte Wort doch ganz gern in Schutz nehmen.

ramses101 hat gesagt…

@annschn: Dazu fällt mir vieles ein - nur eben nicht Airbag.

@eigenart: "Verdater" ist großartig. Das benutze ich ab jetzut immer!

@lenren: I drop by from time to time.

@kein einzelfall: Nichts gegen Wörterschutz und alles gegen Dreckswörter. Der VDS regt mich einfach manchmal auf.

German Psycho hat gesagt…

Ich halte vom Argument der lebenden Sprache sehr wenig, um ehrlich zu sein. Denn die Sprache an sich lebt natürlich überhaupt nicht. Sie wird gesprochen, sie wird verändert - aber sie tut nichts aktiv. Denn sie hat kein Bewußtsein.

Also lebt die Sprache nicht. Sondern die Menschen, die sie sprechen, leben. Und genau diese Menschen sorgen dafür, wie sich die Sprache verändert. Warum also nicht auf die Menschen einwirken, daß sie mit der Sprache etwas gefühlvoller umgehen mögen? Allein schon deswegen, weil man eine gemeinsame Grundlage benötigt, die alle verstehen, die diese Sprache sprechen.

Mittlerweile gibt es so viele Beispiele dafür, wie Menschen, die in unterschiedlichen Branchen (und eben nicht "Industrien"...) arbeiten, sich mißverstehen.

Die Sprache wird gerade von denjenigen, die sie eigentlich beherrschen müßten, verhunzt. Von Journalisten, die lieber ein falsches Wort benutzen als ihren Verstand zu benutzen. Von Werbemenschen, die unbedingt einem gefühlten Trend hinterherlaufen wollen. Von EDV- und Unternehmensberatern, die nicht verstehen, was sie sagen und deswegen ihre Aussagen möglichst unverständlich lassen.

Aber der Verein übertreibt es natürlich wieder maßlos.

Was soll der ganze Absatz? Zustimmung, Ramses, und zwar - wie mittlerweile üblich - zu 100% (-punkten?)