Donnerstag, Januar 19, 2006

Pauschal, banal, egal?

Bei Martina Kausch bin ich auf einen Bericht des ZDF gestoßen, der sich, wie viele andere auch, mit diesem komischen Phänomen Blogdings beschäftigt. Und zwar hinsichtlich der journalistischen Kompetenz und Konkurrenz. So wird der Bericht überschrieben mit Die fünfte Macht im Staat? und diese Frage wird beantwortet mit dem Fazit:
Es sieht, was die Bedeutung der Weblogs in der öffentlichen Meinung betrifft, für den Moment also so aus, als hätten lediglich einige Journalisten die Blogs für sich als weiteren Vertriebsweg für ihre Geschichten entdeckt. Dennoch sollte man Blogger generell nicht unterschätzen.
Von einem gewissen Standpunkt aus, nämlich dem journalistischen, mag das völlig richtig sein. Der Punkt ist nur, dass es gar nicht darum geht, die fünfte oder welche Macht auch immer zu werden.

Beispiel: Mal angenommen, es würde keine Mundpropaganda geben (kommt mir nicht mit Logik, in Statistik-Vorlesungen werden auch gerne mal Vampire bemüht). Angenommen, meine Oma würde als erste auf die Idee kommen, ihrer Freundin ein Produkt zu empfehlen. Und weiter angenommen, diese jetzt ganz neue aber nicht zu kontrollierende Form der Werbung würde sich durchsetzen. Würde ich als, na ja, Kommunikationsprofessioneller diese Form belächeln? Würde ich allen Werbern da draußen sagen: „Hey, keine Panik, alles völlig unprofessionell, null Kreativität, keine messbaren Ergebnisse, gegen eine vernünftig geplante Kampagne hat das alles keine Chance“? Wenn ja, hätte ich nichts verstanden. Denn meine Oma würde der Werbung mit ihrer Mundpropaganda gar keine Konkurrenz machen wollen. Dass sie zwar in irgendeiner Form tatsächlich Werbung betreiben würde, wäre ihr völlig egal.

Weblogs mögen ja ein neuer Informationskanal sein. Weblogs mögen auch häufig journalistische Ansprüche an den Tag legen (und ihnen selten gerecht werden). Und wenn eben diese als Maßstab herhalten müssen, wen wundert es da, dass beim ZDF vor allem die bloggenden Kollegen als Vorzeigevertreter der neuen Zunft gesehen werden? Leute, verabschiedet euch von der Vorstellung, alle Blogger wollten Journalisten sein. Wollen sie nicht (es gibt natürlich putzige Ausnahmen, die sich aber in der Regel darauf beschränken, aus den herkömmlichen Medien zu zitieren und das Zitierte im Blog zu kommentieren. Das sind dann die Blogger, die schon ihre Leserbriefe mit Publikationen verwechseln). Blogger wollen das, was alle wollen: Sich mitteilen, sich austauschen. Dass es dabei mittlerweile zu Machtspielchen kommt, liegt nicht an der Intention der beteiligten Blogger, sondern am Wesen des Weblogs!

Vater Klum und das Sozialgericht Bremen können ein Lied mit vielen Strophen davon singen. Blogs sind nichts weiter als ein Werkzeug der Kommunikation. Dass dieses Werkzeug wahrgenommen wird, liegt an seiner der Zeit angepassten Funktionsweise, dass es nicht ernst genommen wird, liegt an den alten Kommunikationsvorstellungen. Vernetzte Kommunikations-Märkte sind eben neu. Und werden häufig mit Chat-Rooms, Message-Boards und sonstigen stationären Foren verwechselt. In diesen neuen Märkten gibt es nicht mehr Sender und Empfänger sondern Sender und Sender – durch die Blogosphäre wird allerdings erstmalig auf Augenhöhe zurück gesendet. Wenn es denn nötig ist. Denn viele Blogs beschäftigen sich auch einfach nur mit dem Alltag der Schreibenden. Und wenn die etablierte Journaille das jetzt als Banalitäten abtut, dann kann man eigentlich nur antworten:
1. Lest euch ein beliebiges Magazin durch, werft einen Blick in das heutige Fernsehprogramm und dann fast euch mal bitte an die eigene Nase.

2. Was banal ist und was nicht, entscheidet der Leser/ Zuschauer/ Hörer. Bei euch heißt das Auflagenschwund. Der wird nur gerne mit mangelndem Interesse am Bedeutsamen verwechselt.

3. Ein Weblog ist von keinen Einschaltsquoten, keiner Abonnentenschaft und keinen Werbekunden abhängig.
Ein Blogger kann schreiben, worüber er will. Und wenn das seine Kakteen-Sammlung ist, mag das für euch banal sein. Kochshows waren das auch mal.

Now playing: New Model Army – Brave New World

Kommentare:

Morast hat gesagt…

Ein Beitrag, dem ich voll und ganz zustimmen muß.

ramses101 hat gesagt…

Aber irgendwann begreifen die es auch. Scheint nur unheimlich schwierig zu sein, sich von seinen festen Denkweisen zu verabschieden. Lebenslanges Lernen und so ...

henteaser hat gesagt…

"Wollen sie nicht (es gibt natürlich putzige Ausnahmen, die sich aber in der Regel darauf beschränken, aus den herkömmlichen Medien zu zitieren und das Zitierte im Blog zu kommentieren."

Wo ist denn da der Unterschied zum täglichen Zitat aus bzw. Verweis auf SpOn- und Telepolis-Artikel?

ramses101 hat gesagt…

da hab ich mich nicht ganz klar ausgedrückt. Es gibt nunmal durchaus Blogger, die sich für Journalisten halten indem sie - zum Beispiel - Artikel über Folterungen in Irak herauspicken und das ganze als Propaganda der linken Presse abtun. die halten sich tatsächlich für eine alternative ohne auch nur einen Furz recherchiert zu haben. Die meinte ich damit.

Der tägliche Verweis auf SpOn-Artikel hat natürlich keinerlei journalistischen Anspruch und will es auch nicht (das wäre ja, als würde man Harald Schmidt als Journalisten bezeichnen)

henteaser hat gesagt…

Na, da kann ich ja beruhigt weiterzitieren.