Mittwoch, Januar 04, 2006

Kirchen, Dörfer und das Internet

Die recht einseitige - aber keinesfalls langweilige - Blogonovela “Werbeblogger vs. Vadder Klum“ erfreut sich seit Tagen einer wachsenden Beliebtheit:

Die Bewohner eines kleinen Dorfes versammeln sich auf dem Marktplatz, da einem der ihren ein Pfeil ins Reetdach geschossen wurde mit der Nachricht, der nächste Pfeil könne das Dach in Brand setzen. Heillose Aufregung, sogar über die Dorfgrenzen hinweg. Und alles nur wegen dieser dummen Sache im November, als Fron Breitenbach es wagte, den Namen des schönen Burgfräuleins in den Mund zu nehmen. Der Vater der Holden ließ das nicht auf sich sitzen und verlangte, der anmaßende Untertan möge sich verpflichten derart Ungehöriges nie wieder zu tun. Ansonsten würde vermutlich noch einmal über die Option „Brandpfeil“ nachgedacht.

Sollte hier wirklich der Vater von Heidi Klum am Wirken sein, so läuft gerade einiges aus dem Ruder. Spätestens wenn Meldungen aus Klein-Bloggersdorf in die Medien der wirklichen Welt eintauchen, werden auch Werbekunden aufmerksam. Und auf schlechte PR warten die mit Sicherheit nicht. Ist nur die Frage, wem sie die Schuld geben (immer vorausgesetzt, es interessiert sie überhaupt).

Herr Klum mag ja wild darauf bedacht sein, dass der Name seiner Tochter nicht in fremder Leute URLs auftaucht. Dabei sollte er sich aber vielleicht auf URLs beschränken, die von dem jeweiligen Seitenbesitzer als solche angemeldet worden sind. Von einer automatisch generierten Blog-Eintrag-URL kann da eigentlich nicht die Rede sein. Muss man nicht wissen, sollte man aber wissen, wenn man schon auf die Pirsch geht.

Die Blogosphäre hat sich jedenfalls drauf gestürzt wie ein Rudel Jagdhunde und der Streitinitiator hüllt sich in Schweigen. Wenn er es denn war. Was ist bloß aus dem berühmten Gespräch unter Männern geworden? Bzw: Wo ist es geblieben? Patrick Breitenbach ist an dieser Stelle mit Sicherheit kein Vorwurf zu machen - er hat den Dialog gesucht (Werber halt). Wenn der Dialog nicht angenommen wird, kann man nichts machen. Das ist eben das dumme an der Kommunikation via E-Mail und Internet im Allgemeinen: Wer bockig ist, ist nicht zu fassen.

Mit Sicherheit hätte sich die Sache anders entwickelt wenn sich die Beteiligten einfach mal unterhalten hätten. Zu wessen Gunsten so ein Gespräch ausgegangen wäre, ist übrigens so irrelevant, wie nur irgend etwas irrelevant sein kann. Keiner Seite wäre ein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie nachgegeben hätte. Einfach mal die Kirche im Dorf zu lassen ist häufig eine gute Option. Auch die Lektüre der Klassiker, in diesem Fall „Der Zauberlehrling“ von Goethe, hat schon so manchen von manch unbedachter Kurzschlusshandlung abgehalten. Das wäre auch Herrn Klum gut bekommen. Denn ganz schnell heißt es manchmal: Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los. Der Zug dürfte aber abgefahren sein.

Now playing: Talk Talk – For What It’s Worth

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Na ja, Abmahnungen und Kostennoten gibt es noch gar nicht und das Ganze wird viel zu hoch gekocht. Unverständlich, wieviel Wirbel darum gemacht wird. Widme man sich besser Berichten über das vorbildliche Engagement von Heidi Klum für Kinderrechte (look at www.magnusbeckerblog.de ) bspw.! …

Matt hat gesagt…

„Keiner Seite wäre ein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie nachgegeben hätte“? Das ist der falsche Ansatz, wie ich finde.

Denn der Fall Klum ist nur der Anfang. Er verweist darauf, was noch alles auf uns zukommen wird, wenn der große Clash zwischen Meinungs-/Berichterstattungsfreiheit und Copyright-Interessen erst so richtig losgeht. Das WM-Jahr 2006 wird dafür richtungsweisend sein.

Deshalb muss auch bei einem so „kleinen“ Fall wie dem hier diskutierten klargestellt werden, dass bloßer Sprachgebrauch und bloße Worterwähnung in einer freien Gesellschaft auch frei bleiben müssen. Nachgeben wäre die völlig falsche Strategie – vielleicht wäre dabei der Meinungsfreiheit ein Zacken aus der Krone gebrochen. Also ein Zacken zu viel.

Gruß, Matt
www.mattwagner.de/blog.htm

ramses101 hat gesagt…

Es geht ja nicht um die Namensnennung, sondern um die Nennung des Namens in einer URL. Vater Klum hatte schlicht keine Ahnung von der Funktionsweise eines blogs. Er hat die URL gesehen und gedacht: Hoppla, Website, intervenieren. Und das auch noch ohne Kohle zu fordern (da gibt es auch andere Beispiele). Hätte er sich bereit erklärt zuzuhören, hätte er sich auch (rechtzeitig) schlau gemacht. Und mit vielleicht eingelenkt.

Hätte er hingegen Patrick gegenüber seine Gründe genannt und wären diese Gründe nachvollziehbar gewesen, bin ich mir sicher, dass Patrick eingelenkt hätte (wobei ich mir zwar momentan keinen solchen Grund denken kann, aber das heißt nicht, dass es ihn nicht gibt).

Das alles zu einem Zeitpunkt zu dem noch überhaupt nichts passiert war. In der Entstehung sehe ich einfach keine Grunsatzdebatte sondern ein Missverständnis, geboren aus Unverständnis der Materie Blog gegenüber.

Nur wie gesagt: der Zug ist längst abgefahren. Jetzt hätte ein Einlenken tatsächlich die Bedeutung, die du geschildert hast.