Freitag, Dezember 30, 2005

Hirn statt Böller

Alster Radio:

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Witzischkeit kennt keine Grenzen.

Now playing: Frank Sinatra – Auld Lang Syne

Kommentare:

German Psycho hat gesagt…

Tatsächlich war ich überzeugt davon, viel mehr über diese Aktion in den verschiedenen Blogs zu lesen. Da ich aber den Spruch "Brot statt Böller" schon so dermaßen bescheuert fand (warum denn "statt"? Und wieso nur zu Silvester? Was ist mit "Brot statt Jutetasche" oder "Brot statt frischem Kaffee"?), finde ich es absolut nicht schlimm, ihn zu verballhornen.

Mich wundert aber schon, daß der Sender sich das getraut hat. In unserer Gesellschaft ohne Tabus gibt es eben doch noch welche (und an sich ist das auch nur zu befürworten).

Ich jedenfalls halte es deswegen für eine gute Aktion, weil der blinde Aktionismus der Brot-statt-Böller-Idee endlich mal angeprangert wird. Helfen kann und muß man kontinuierlich und nicht einmal.

ramses101 hat gesagt…

Hab ich natürlich drüber nachgedacht. Ich bin auch der letzte, der einen derartigen Scherz nicht gelungen finden würde. Wenn er denn gelungen wäre. Hier geht es aber nicht um die sarkastische Zurschaustellung eines verlogenen* Mottos**. Hätte Harald Schmidt die Aktion gebracht, hätte ich es sofort geglaubt. Hier ist aber etwas ganz anderes passiert: Gesponsert wurde die Aktion vom Knaller-Hersteller NICO. Idee, Motto, Gewinn und Choreographie eines Gewinnspiels kommen in der Regel vom Sponsor. Genauer gesagt von dessen Agentur. Und wie das da abläuft, weiß ich ziemlich genau. Deshalb bin ich gerne bereit zu glauben, dass hinter der Idee eine ordentliche Prise Texter-Zynismus steckt.

Aaaaber. Der Zynismus muss zur Marke passen. Das ist bei Alster-Radio schlicht nicht der Fall. Das ist wie ein Nerd, der versucht, sich einen Dreitage-Bart stehen zu lassen. Funktioniert nicht. Gewollt und nicht gekonnt.

Abgesehen davon, finde ich Böller grundsätzlich verachtenswert ;-) Das mag in meinem Urteil auch eine Rolle gespielt haben. Aber ein Gutes hat die Knallerei: Bei 33 Tonnen Müll in Hamburg scheint es den Leuten verdammt gut zu gehen. Vielleicht vergeht ja tatsächlich mal ein Jahr ohne weinerliche „die da oben, wir hier unten“ Jammer-Leserbriefe in der MoPo.

*Unglaublich: Word kennt das Wort „verlogen“ nicht!

** Wobei die Zeit berücksichtigt werden muss, in der das Motto entstanden ist. 1981 war immerhin die Zeit eines mehr und mehr ausufernden Egoismus, Ellenbogen (und Schulterpolster) waren plötzlich in, die Selbstliebe zur einzig wahren. Vor dem Hintergrund ergibt eine derartige Aktion auch mit einem billigen Motte (80er eben: „Mars macht mobil, bei Arbeit Sport und Spiel“) durchaus Sinn. Und wenn ein Motto zur Marke wird, kann man es auch schlecht modernisieren.

German Psycho hat gesagt…

Mir war irgendwie klar, daß Sie nicht zu den berufsbetroffenen Jammerern gehören und ein wenig detaillierter darüber nachdachten, bevor Sie es ins Blog schrieben.

Und Sie haben ja recht. Es paßt nicht zum Sender. Bei Deltaradio hätte es eventuell noch irgendwie zum Image gepaßt, bei hundertsechsacht nicht.

Aber daß hinter der Aktion ein Böllerhersteller steht, finde ich absolut in Ordnung: Ausschließlich die Böllerindustrie wurde von diesem flachen Motto getroffen. Warum man nicht auf andere Dinge verzichten sollte - und es gibt ja genug sinnlose Dinge, für die man Geld ausgibt -, wurde nie erklärt.

Ich mag Böllern (v.a. aber die Raketen) zu Silvester. Ein gut choreographiertes Feuerwerk gehört für mich zum Bereich Kunst. Ich freue mich daran, ich erkenne aber auch die künstlerische Leistung des Organisators an. Machen wir uns nichts vor: Es ist unterhaltsam.

"Brot statt Böller" steht ja eigentlich für etwas anderes: Das, was Spaß macht, aber nicht sein muß, ist abzulehnen.

Im Kontext der 80er - die Sie absolut treffend charakterisiert haben - war es eine Sache, daraufhinzuweisen, daß es außer Spaß noch andere Dinge gibt. Aber es hat sich eben verselbständigt und soll nun ein schlechtes Gewissen herbeizaubern bei allem, auf das man problemlos verzichten könnte, was aber einfach nur schön ist, Spaß macht.

Ich billige jedenfalls jedem seinen Spaß zu. Auch einem Böllerhersteller. Immerhin auch Arbeitsplätze, auch Steuern, auch indirekter Entwicklungshelfer ;-)

Wie gesagt: Solange man kontinuierlich hilft, ist das mehr wert als ein einmaliger Verzicht auf Konsum. Glaube ich.

ramses101 hat gesagt…

Klar. Jeder soll seinen Spaß haben und an einem ordentlichen Feuerwerk à la Kirschblütenfest kann ich mich auch erfreuen. Als beim Alstervergnügen vor zig Jahren mal ein zu "Take my Breathe away" choreographiertes Feuerwerk gezündet wurde, hatte ich zeitweilig sogar Pipi inne Augen ;-)

Böller hingegen sind das, was man früher als Circenses bezeichnet hat. Und dem Pöbel sollte doch eigentlich das Privatfernsehen reichen um nicht zu rebellieren. Böller halte ich für die schlimmste Art der Geldvernichtung, die es je gegeben hat. Auch wenn der Böller ernsthafte Konkurrenz durch den Klingelton bekommen hat.

Der Vergleich mit der Jutetasche und vor allem mit dem kaffee trifft es meiner Meinung nach nicht, da die eine (immerhin) praktischen Nutzen hat, der andere einen gewissen Genuss bietet. Böller sind nur laut. Und wenn sie damit fertig sind, sind sie Dreck.

Grundsätzlich bin ich übrigens seit der Lektüre der letzten (aktuellen?) "brand eins" der Meinung, das die Hilfe an sich überschätzt wird. Ein traumhafter Themenschwerpunkt: "Bitte nicht helfen. ich kann das selbst." mit einem noch traumhafteren Artikel über den Panda-Bären, der ganz offensichtlich zu doof zum Überleben ist, aber immer wieder am selbst verschuldeten Aussterben gehindert wird. Sollten Sie die Ausgabe noch irgendwo finden, kaufen! Wird Ihnen gefallen ;-) (Auch wenn das Magazin natürlich eigentlich schon wegen des Namens zu boykottieren ist.)