

Bilder können leider nur ansatzweise wiedergeben, was die
Kogge für ein imposanter Kutter ist. Wenn man davor steht, ist sie das aber. Und wenn man darauf arbeitet, erst recht. Theoretisch lässt sich das Ding mit sechs Leuten fahren. Praktisch ist das natürlich Quatsch, weil man immer damit rechnen muss, dass Leute wie ich an Bord sind, die sich beim Kommando „Brass um“ (oder so ähnlich) völlig unangesprochen fühlen, anstatt das Kommando auszuführen, was darin besteht, die Halsleine (oder war es doch der Vorholer?) einfach loszulassen.
Loslassen ist eigentlich gar nicht so angesagt, wenn man auf der Kogge eine Strippe in der Hand hat. Im schlimmsten Fall folgt dann nämlich das Tauende* den Gesetzen der Physik und ist weg. Und mit weg meine ich weg. Nicht wie der Kuli im Büro („Ah, da isser ja wieder“) oder die Freundin („Pfff, mir doch egal, endlich wieder Zeit für mich“), sondern eher wie in der Architektur („Tragende Wand? Hm, jetzt, wo Sie es sagen ...“). Um das Tauende bei gesetztem Segel wiederzubekommen, müsste man das Segel raffen und (mutmaße ich, es ist ja nicht wirklich passiert) die Rah dumpen, also schräg zum Mast stellen. Die entscheidenden Taue hängen schließlich logischer- und blöderweise am unerreichbaren Ende der Rah.
Das ist genau so anstrengend, wie es sich anhört und deshalb neigt man als Koggenneuling dazu, alles irgendwo festzubinden. Am besten noch mit einem verzweifelten Knoten, der mit viel gutem Willen als
"Zwei halbe Schläge" durchgeht. Wenn Sie damals ™ als Kinder im Garten Cowboy und Indianer gespielt haben, dann kennen Sie den Knoten. Der hieß da einfach „Doppelknoten“ und war relativ final. Und wenn Sie sich jetzt daran erinnern, wie friemelig das war, einen Doppelknoten bei dem Kollegen am Marterpfahl zu lösen, dann stellen Sie sich das mal vor mit einem zentimeterdicken Tau, das von einem im Wind stehenden Riesensegel gestrafft wird und jetzt (gemeint ist: JETZT!!!!) los muss.
Für die Werber: Auf der Adrenalinschubskala wäre das ungefähr das Niveau, vor der Präsentation und versammelter Mannschaft im Konfi des Kunden zu stehen und auf die Frage an den Kollegen nach dem Laptop ein „Wie? Ich dachte du ...“ zu bekommen. Multipliziert mit einem Faktor Ihrer Wahl. Unschön.
Aber auf der Kogge eben lösbar (gut, auch in der Werbung sind Extremsituationen lösbar, nur: auf der Kogge gibt es dafür wenigstens eine Axt). Mit der Kogge segeln zu lernen ist großartig. Es ist zwar Multitasking galore (Vokabeln lernen und gleichzeitig deren Bedeutung ignorieren, während man Bewegungsabläufe durchführt, die andere Vokabeln betreffen. Eat this, Schirrmacher), aber eben auch Entschleunigung (eat this, Internet). Wenn das jeweilige Manöver durch ist, sitzt man an Deck und genießt die Sonne und das sanfte Rauschen der Wellen. Oder den Regen und die Katerstimmung von Poseidon oder wie Gott ohne Wüste heißt. Das kann man sich auch nicht immer aussuchen.
Schön ist auch, mal Kommandos zu erhalten („Vieren. Vieren! Lass los! LASS DAS SCHEISSTAU LOS!!!!) anstatt permanent Kommandos zu geben („Hmmmm, ja, weiß nicht, da fehlt mir die Emotion und kann man das nicht ein bisschen edgier machen, so casual halt, aber ohne, dass das zu gewollt aussieht.“)
Kogge fahren ist anders als normal. Ich kann nicht behaupten, dass ich nichts anderes mehr machen will, aber ich will das öfter machen. Wer sich das mal anschauen möchte, ist übrigens herzlich
eingeladen.
Now playing:
Rod Steward*Für die Sprachakrobaten: Ich habe jetzt ernsthaft zwei Minuten drüber nachgedacht, ob das „Tauende“ vielleicht nicht das richtige Wort ist. Also richtig ist es schon, aber es könnte ja auch heißen „das, was gerade taut“. „Oh guck mal, wie schön das glitzert.“ „Was denn?“ „Na das Tauende dahinten.“
Dann hab ich überlegt, es „Seilende“ zu nennen. Da habe ich aber erstens das gleiche Problem: Es kann ein Seilende sein, es kann aber auch etwas Seilendes sein (absurd, ich weiß, aber wenn man sich mit Sprache beschäftigt, macht sich über sowas Gedanken) und außerdem ist es eben kein Seil, sondern ein Tau.
Jetzt gäbe es eine Möglichkeit: Den Bindestrich. Ich hätte einfach schreiben können das Tau-Ende. Aber so sehr ich auch für den Bindestrich eintrete, wenn es um den Lesefluss geht (wer auch nur ein Mal ein Autorennen gesehen hat, der soll mir in die Augen blicken und mir erzählen, er wäre bei dem Wort „Autorennennung“ nicht gestolpert.), wie Panne sieht das bitte aus? (Ich habe übrigens überhaupt kein Problem damit, den Lesefluss mit Klammern zu unterbrechen, ganz im Gegenteil, die Klammer ist eine Waffe!)
Das Problem kann man spaßeshalber auch nochmal mit „Strippe“ weiter verkopfen, mach ich aber nicht, sonst kommen wieder nur Schmuddelgoogler statt Qualitätsleser.